Die deutsche Fassung des Kurses: Einführung und 11 Lektionen, jeweils mit ausführlicher Erklärung, Originalzitaten, den Folien aus den Videos und dem Wichtigsten zum Schluss.
Privater Lernkurs aus dem gekauften RTS-Kurs „Foundations of Programming“. Eigenständig, ohne Verbindung zur Emerging-Strategies-App.
Mike Tuchscherer begrüßt dich zum Kurs „Foundations of Programming“ und erklärt, warum es ihn gibt, für wen er gedacht ist und warum das ganze RTS-Coachingteam daran mitgewirkt hat.
Laut Kursbeschreibung geht es um die grundlegenden Elemente des Programmierens für Powerlifting: um die Ideen und Konzepte, die in nahezu jedem Trainingssystem für den Kraftdreikampf angewendet werden.
Mike fasst es so zusammen: Der Kurs handelt davon, Trainings- und Fitnessqualitäten systematisch so zu entwickeln, dass die Leistung im Powerlifting maximal wird.
“This course is going to be about systematically developing training and fitness qualities in such a way that we maximize powerlifting performance.” In diesem Kurs geht es darum, Trainings- und Fitnessqualitäten systematisch so zu entwickeln, dass wir die Leistung im Powerlifting maximieren. Mike Tuchscherer
Es gibt zwar Material zum Thema, aber Mike und sein Team waren mit keiner Quelle zufrieden, die als echte Anlaufstelle taugt, um diese Fähigkeiten von Grund auf und eher auf Einsteigerniveau zu lernen. Das war eine der Hauptmotivationen: Der Kurs soll eine Quelle für alle sein, die anfangen wollen, Trainingsprogramme zu schreiben.
Wer RTS schon länger kennt, weiß, dass Mike gern zeigt, wie die Dinge mit dem größeren Ganzen zusammenhängen. Deshalb glaubt er, dass auch Fortgeschrittene viel mitnehmen: Wer die Grundlagen schon kennt, verbessert sich trotzdem, indem er die Fundamente schärft. Je mehr man versteht, desto mehr Verbindungen sieht man zwischen den Grundlagen und allem anderen, was in einer Fertigkeit relevant ist.
“The fundamentals never go out of fashion.” Die Grundlagen kommen nie aus der Mode. Mike Tuchscherer
Beim Entwurf der Gliederung wurde schnell klar, dass der Kurs am besten wird, wenn das Wissen und die Erfahrung aller RTS-Coaches einfließen. Deshalb hat das ganze Team mitgewirkt, und die Lektionen werden von verschiedenen Coaches gehalten.
Mike erzählt, was er nicht erwartet hatte, als er mit dem Coaching und mit RTS anfing: ein Team zu entwickeln, dessen Mitglieder eigene Sichtweisen haben und Probleme grundlegend anders sehen als er. Genau diese Perspektiven sind für ihn sehr wertvoll geworden, und die möchte er dir mitgeben. Du wirst Coaches finden, mit denen du besonders gut klarkommst, und ihr Wissen schätzen lernen.
Zum Schluss sagt Mike, wie sehr er sich freut, dass du dabei bist. Für ihn hilft dieses Wissen letztlich dabei, bessere Athleten, stärkere Menschen und bessere Powerlifter zu machen.
“We got the whole team involved in the development of this course, and I think it makes a much, much stronger course.” Wir haben das ganze Team in die Entwicklung dieses Kurses eingebunden, und ich glaube, das macht ihn deutlich stärker. Mike Tuchscherer
Die vorliegende Abschrift der Einführung beginnt erst mitten im Video (ungefähr bei der Hälfte). Der Anfang von Mikes Begrüßung fehlt deshalb hier. Zitate aus der automatischen Abschrift, behutsam bereinigt.
Die erste richtige Lektion des Kurses legt das Fundament für alles, was folgt: ein Denkrahmen dafür, woher Kraft kommt und wie man mögliche Anpassungen an Krafttraining einordnet. Mike unterscheidet trainierbare und nicht trainierbare Faktoren und teilt alle Trainingsanpassungen in drei Kategorien ein: Skill, Struktur und Metabolismus. Dazu kommen die psychologischen Faktoren als versteckter Nutzen der Skill-Arbeit, das Thema Verletzungen und ein Fallbeispiel aus Mikes Praxis.
Coach Mike Tuchscherer begrüßt dich zum Kurs „Foundations of Programming“. Das Thema dieser Lektion sind die Faktoren, die Kraft beeinflussen (Factors Affecting Strength). Es ist die erste richtige Lektion des Kurses, und sie soll das Fundament für alle folgenden Lektionen legen.
Mike will dir einen Denkrahmen mitgeben: eine Art zu verstehen, woher Kraft kommt, und eine Möglichkeit, das einzuordnen. Dieser Rahmen soll dir helfen, mögliche Anpassungen an Krafttraining zu verstehen und so alle Taktiken und Techniken, die du im weiteren Kurs lernst, besser zu verarbeiten. Er soll dir aber auch darüber hinaus nützen: Du wirst noch lange nach diesem Kurs weiter über Training lernen, und was du in dieser Lektion lernst, soll dich durch diese ganze weitere Bildung begleiten.
“What I hope to present to you today is just kind of a framework, a way of understanding where strength comes from, and a way of kind of categorizing that.” Was ich dir heute vorstellen möchte, ist im Grunde ein Denkrahmen: eine Art zu verstehen, woher Kraft kommt, und eine Möglichkeit, das einzuordnen. Mike Tuchscherer
Das Bild zeigt Andy Bolton, den ersten Powerlifter, der 1000 Pfund im Kreuzheben gezogen hat. Mike glaubt, dass das 2006 war. Er erinnert sich noch an das Rennen zwischen Benedikt Magnússon und Andy Bolton: Beide lagen im mittleren bis oberen 900-Pfund-Bereich, und es ging darum, wer diese Marke zuerst schafft. Andy gelang es als Erstem im Wettkampf, und deshalb ist er für immer als „der Mann“ im Kreuzheben verewigt.
Mike erzählt aber vor allem etwas, das du vielleicht nicht über ihn weißt: Am ersten Tag im Gym hat Andy 260 kg gehoben, nach Mikes Rechnung etwa 570 Pfund und etwas. Wie viele Anfänger hast du am ersten Tag schon im mittleren bis oberen 500-Pfund-Bereich kreuzheben sehen? Ganz untrainiert war Andy nicht, er hatte einen sportlichen Hintergrund. Nach Mikes Kenntnisstand hatte er aber nicht ausgiebig mit Gewichten trainiert und kein Kreuzheben gemacht. Andy hat also von Anfang an viel mitgebracht: seine natürliche Veranlagung, Fähigkeiten, die schlicht in seinem Körper angelegt sind.
Man neigt dazu, Fälle wie Andys als reine Genetik abzutun: Wer am ersten Tag 570 Pfund zieht, hat natürlich auch eine höhere Obergrenze. Das ist aber nicht das, was du mitnehmen sollst. Natürlich ist nicht jeder dafür gebaut, 1000 Pfund zu heben, und Andy hat eindeutig rohe Genetik mitgebracht, wie auch immer man das verstehen will.
Doch so beeindruckend ein 500-Pfund-Kreuzheben am ersten Tag ist, es liegt nicht in derselben Liga wie 1000 Pfund. Das Training und die Anpassung, die nötig waren, um von 500 auf 1000 Pfund zu kommen, sind gewaltig. Natürlich hat derselbe Mensch dieselben genetischen Rohstoffe und dieselben Grundanpassungen, aber unterwegs passieren sehr viele Veränderungen und Anpassungen. Genau darum geht es, wenn du an deine eigene Situation oder die deiner Athleten denkst: die Anpassungen zu finden. Manche Dinge sind veränderbar, manche nicht, und man kann anfangen zu verstehen, welche das sind.
“The man who could deadlift a thousand pounds is not the same man who can deadlift 500 pounds.” Der Mann, der 1000 Pfund kreuzheben konnte, ist nicht derselbe Mann, der 500 Pfund kreuzheben kann. Mike Tuchscherer
Die Grafik stammt von Mikes Freund Greg Nuckols, der sie ursprünglich in einem seiner Artikel veröffentlicht hat (laut Abschrift betreibt er Stronger by Science, auf der Grafik steht der Hinweis auf Strengtheory.com). Mike hat ihn gefragt, ob er sie verwenden darf, weil sie die verschiedenen Unterkategorien und Faktoren der Kraft sehr gut sichtbar macht: Sie listet nicht nur auf, was diese Faktoren sind, sondern zeigt auch, wie sie zusammenhängen. In der Mitte steht die dynamische Kraft im 1RM.
Oben in der Grafik stehen Faktoren, die sehr tief im Inneren liegen, etwa die Kontraktionseigenschaften einer einzelnen Muskelfaser wie die Specific Tension (spezifische Spannung). Damit ist gemeint: Wenn du eine einzelne Muskelfaser nimmst und misst, wie stark genau diese eine Faser kontrahieren kann. Solche Dinge beeinflussen natürlich das Gesamtergebnis, aber auf dem Weg dorthin gibt es noch sehr viel mehr:
All das bestimmt, wie Kraft zum Ausdruck kommt. Wenn es dein Geschäft ist, Kraft zu zeigen, dann ist all das wichtig und alles ist ein legitimes Ziel für Anpassung, zumindest das, was in deinem Einflussbereich liegt.
“If you're in the business of displaying strength, then all of this matters and all of it's fair game for adaptation.” Wenn es dein Geschäft ist, Kraft zu zeigen, dann ist all das wichtig, und alles davon ist ein legitimes Ziel für Anpassung. Mike Tuchscherer
Manche Dinge liegen eindeutig außerhalb deines Einflusses. Gegen die Länge deiner Oberschenkelknochen oder deiner Arme, die Größe deiner Hände oder die Stelle, an der deine Sehnen am Knochen ansetzen, lässt sich nichts tun. Bis zu einem gewissen Grad gilt das auch dafür, wie stark diese Ansätze sind und wie die Muskelarchitektur angelegt ist. Mike ordnet deshalb einen guten Teil der Faktoren aus der Grafik neu, nach trainierbar und nicht trainierbar.
Viele dieser Faktoren haben eindeutig eine Obergrenze. Selbst wenn du 100 Prozent aller verfügbaren motorischen Einheiten aktivieren könntest, mehr geht nicht. Technik kann nur so gut werden, Rate Coding nur so gut, selbst die Athletenpsychologie nur so gut. Manche dieser Grenzen haben eine genetische Komponente. Andere Entwicklungen stoßen, auch wenn man diese Grenze nicht erreicht, auf irgendeinen anderen Engpass.
Wo dieser Engpass liegt, erfährst du nicht im Voraus, und oft nicht einmal, wenn es schon passiert ist. Du musst also dein Bestes geben, und zwar über lange Zeit. Bemerkenswert ist aber, wie viele Dinge man tun kann, um die Kraft zu verbessern: Es gibt viele verschiedene Hebel, an denen man ziehen kann.
Die Faktoren lassen sich weiter in Kategorien aufteilen. Mike stellt ein Modell vor, an dem er schon länger arbeitet: eine Einteilung, wo verschiedene Trainingsanpassungen auftreten können. Soweit er es sieht, fällt jede Trainingsanpassung in eine von drei Hauptkategorien: Skill-Anpassung, strukturelle Anpassung oder metabolische Anpassung.
Skill teilt Mike noch in Unterfertigkeiten auf und in bestimmte Qualitäten, wie die Bewegung ausgeführt wird. Das kommt gleich genauer. Bei Struktur geht es im Powerlifting oft um Hypertrophie, aber nicht nur um Muskelhypertrophie. Die ist sicher ein großer Bestandteil, aber auch eine höhere Sehnensteifigkeit und Verbesserungen der extrazellulären Matrix, die bei der lateralen Kraftübertragung helfen, können eine große Rolle spielen.
Mike betont, dass dies der Grundlagenkurs ist. Wenn du dich im Fachjargon verlierst, mach dir keinen Kopf. Wichtig ist an dieser Stelle nur: Es gibt Skill-Anpassungen, strukturelle Anpassungen und metabolische Anpassungen, und in jede Kategorie fallen viele Dinge. Später geht es zum Beispiel um Hypertrophie oder um Anpassungen der Myofibrillen gegenüber dem Sarkoplasma. Behalte im Kopf, dass das strukturelle Anpassungen sind. In vielen Fällen ist das theoretischer, als man es sich wünschen würde, aber alle drei Arten von Anpassung sind real, und man kann Trainingseffekte danach einordnen, was man erwartet.
“This paradigm, this skill, structure and metabolism model, is one of the main things I want you to walk away from this lesson understanding.” Dieses Paradigma, das Modell aus Skill, Struktur und Metabolismus, ist eines der wichtigsten Dinge, die du aus dieser Lektion verstanden mitnehmen sollst. Mike Tuchscherer
Wenn später im Kurs die Entwicklung von Protokollen, GPP, Übungsauswahl und Ähnliches behandelt werden, kannst du all das in dieses Raster aus Skill, Struktur und Metabolismus einordnen und danach entscheiden. Ist eine strukturelle Anpassung beabsichtigt, hilft das bei der Entscheidung. Ist eine Skill-Anpassung beabsichtigt, hilft das bei der Wahl der Übung. Wenn das jetzt noch nicht glasklar ist, ist das in Ordnung. Es wird klar, während du dich durch den Kurs arbeitest.
Anpassung findet in allen drei Kategorien gleichzeitig und jederzeit statt. Selbst wenn du vier Wochen komplett pausierst, passen sich Skill, Struktur und Metabolismus an diese Pause an. Der Körper ist immer in einem Zustand der Anpassung, und zwar in Richtung der Anforderungen, die an ihn gestellt werden. Trainierst du nicht mehr, passt er sich ans Nichttraining an: Skills bauen ab, Strukturen bauen ab, der Metabolismus baut ab.
Umgekehrt wirkt dein Training auf jede dieser Kategorien unterschiedlich, ob das beabsichtigt ist oder nicht. Machst du etwa einen Block mit Fokus auf strukturelle Anpassungen, in klassischer Sprache einen Hypertrophieblock, passieren trotzdem metabolische und Skill-Anpassungen. Es ist besser, darauf zu achten, als es zu ignorieren. Auch in einem Hypertrophieblock solltest du also überlegen, was mit deinem Skill passiert: Entwickelt er sich, baut er ab oder bleibt er erhalten, und auf welche Weise?
“The body is always in a state of adaptation, and that adaptation is in the direction of the demands that are being placed on it.” Der Körper ist immer in einem Zustand der Anpassung, und diese Anpassung geht in Richtung der Anforderungen, die an ihn gestellt werden. Mike Tuchscherer
Mike teilt die Skill-Entwicklung normalerweise in vier Unterbereiche auf. Es gibt noch weitere, die er aber derzeit kaum nutzt. Dein eigenes Training kann sich auf diese vier konzentrieren oder etwas anders gewichten, aber sie sind ein guter Ausgangspunkt.
Das ist die Basis, das, woran man bei Skill-Entwicklung zuerst denkt: Technikarbeit. Die Wiederholungen sind meist etwas niedriger, das RPE ist etwas niedriger (auf der Folie: 3 Wiederholungen bei RPE 6), und du achtest bewusst auf deine Körperposition im Raum: Wo sind deine Füße, was machen deine Knie, wo sind deine Ellbogen.
Auch manche Assistenz- und Ergänzungsübungen gehören dazu. Jede Übung mit Pause ist aus Koordinationssicht nützlich. Mikes Beispiel ist die Kniebeuge mit 2 Sekunden Pause: Sie hilft dem Lifter, sich mit der unteren Position vertrauter zu machen und zu spüren, wie sie sich anfühlen soll, und verbessert dadurch die Technik. Auch die meisten Tempo-Varianten betonen die Grundkoordination, etwa ein Bankdrücken im Tempo 3-0-3: Du wirst etwas langsamer und kannst mehr darauf achten, wo dein Körper im Raum ist.
Für Mike ist Koordination aber nicht das Ein und Alles der Skill-Entwicklung, sondern eine eher niedrige Schwelle. Bist du auf dieser Ebene ausreichend gut, musst du die Herausforderung weiter steigern, damit die Technik unter immer strengeren Bedingungen robust bleibt. Typisch ist: Solange die Aufgabe leicht genug ist, also das Gewicht leicht und das RPE niedrig, hält jemand seine Technik. Erst wenn es schwer wird, bricht sie zusammen. Das kann ein Problem der Grundkoordination sein, das muss der Coach beurteilen. Oft liegt das Problem aber woanders, besonders wenn es nicht um Anfänger oder recht untrainierte Leute geht.
Hier wird die Übung in Teilaufgaben zerlegt. Selbst scheinbar einfache Übungen wie die Powerlifts haben Teilaufgaben, sie sind keine reinen Grundbewegungen. Eine Isolationsübung wie das Langhantel-Curl hat keine Teilaufgaben, das ist reine Ellbogenbeugung. Die Powerlifts dagegen haben ganz klar unterscheidbare Teilaufgaben, schon rein von der Gelenkmechanik her. Powerlifting-Coaches sprechen darüber oft als Schwächen: Bei jemandem schießen in der Kniebeuge die Hüften zu schnell hoch, ein anderer kann beim Bankdrücken die Ellbogen nicht richtig anlegen.
Diese Art von Skill-Arbeit betont gezielt eine solche Teilaufgabe. Der Lifter bekommt Zeit, daran zu arbeiten und darauf zu achten, und trainiert sie mit ausgewählten Drills und Übungen, die genau diese Teilaufgabe herausfordern. Macht er es richtig, wird er belohnt: Die Wiederholung gelingt oder er kann mehr Gewicht auflegen. Macht er es falsch, bestraft ihn die Übung.
Eine von Mikes Lieblingsübungen ist die Pin Squat. Er verschreibt sie Lifter, deren Hüften unten in der Kniebeuge zu schnell hochschießen. Schießen bei der Pin-Kniebeuge die Hüften zu schnell hoch, wird die Wiederholung schwerer, und der Lifter kann weniger Gewicht verwenden als bei richtiger Ausführung.
Weil die Stange auf den Pins abgelegt ist, hat der Lifter einen Moment, um sich zu konzentrieren und darauf zu achten, es richtig zu machen. Gelingt das, ist die Übung etwas leichter und er kann mehr Gewicht auflegen. Mit der Zeit wird die richtige Ausführung zur Gewohnheit. Mike nennt das, Technik von innen nach außen zu lehren, statt sie von außen nach innen durch zugerufene Cues zu vermitteln.
Auf der Folie stehen weitere Beispiele: Pin Squat, Block Pull, Board Press, Schrägbankdrücken (Incline), SSB-Kniebeuge (Safety Squat Bar) und Light-Touch-Kreuzheben. Die Idee ist immer dieselbe: die Übung in Teilaufgaben zerlegen, die jeweilige Teilaufgabe betonen, richtige Ausführung belohnen und falsche bestrafen.
“It teaches technique from an inside out perspective rather than from outside in just shouting cues.” Sie lehrt Technik von innen nach außen, statt von außen nach innen, indem man einfach Cues zuruft. Mike Tuchscherer
Zwei weitere Skill-Qualitäten, die Mike häufig trainiert, sind die frühe und die späte Kraftentwicklungsrate (Early und Late Rate of Force Development, kurz RFD). Weil der Begriff Rate of Force Development leicht in die Irre führen kann, erklärt er genau, was er im Powerlifting damit meint.
Early RFD ist laut Folie Training, das hochspezifische, hochkoordinierte, hohe Kraftwerte vor allem früh im Bewegungsumfang (ROM, Range of Motion) entwickeln soll. Beispiel: Kniebeuge in Wettkampfausführung als Single bei RPE 6. Ein RPE 6 liegt bei den meisten Leuten wahrscheinlich zwischen 80 und 85 Prozent. Das ist noch schwer genug für eine hohe Kraftleistung, aber leicht genug, dass die Stange insgesamt schnell ist. Konzentriert sich der Lifter darauf, viel Kraft zu erzeugen, liegt diese hohe Kraft früh in der Bewegung, auf einer Zeitachse also kurz nach Beginn der konzentrischen Phase. Weil das Gewicht leichter ist, gibt es eine längere Abbremsphase, und die Spitzenkraft wird wahrscheinlich gar nicht erreicht, weil die Muskeln etwas Zeit brauchen, um bis zur Spitzenkraft hochzufahren.
Early-RFD-Arbeit kann diese Zeit auch verkürzen. Das geht mehr in Richtung Explosivität, und auch das hat einen gewissen Wert. Gemeint ist hier aber, eine hohe Kraft früh in der Wiederholung zu entwickeln. Die Protokolle, zu denen Mike dafür greift: 1 bis 3 Wiederholungen bei RPE 5 bis 7.
Late RFD ist laut Folie Training, das maximale Kraftwerte in einem hochspezifischen Kontext entwickeln soll. Hier ist die ganze Wiederholung langsamer, weil das Gewicht schwerer ist, und das gibt mehr Zeit, die Spitzenkraft zu erreichen. Diese Art von Skill-Arbeit ist sehr nützlich beim Peaking: Sie schiebt die Obergrenze noch ein Stück höher. Typisch sind 1 bis 3 Wiederholungen bei RPE 8 oder mehr.
Skill-Arbeit hat einen versteckten Nutzen: die psychologischen Anpassungen, die mit ihr einhergehen. In Gregs Grafik gibt es einen ganzen Bereich zur Athletenpsychologie. Wir wissen, dass sie wichtig ist, trainieren sie aber meist nicht direkt. Als Lifter neigen wir dazu, uns auf Verbesserungen der körperlichen Maschinerie zu fixieren. Doch dein Kopf ist ebenfalls Teil des Systems.
Bei Powerliftern, die die Identität des Powerlifters wirklich angenommen haben, passiert Folgendes: Skill-Arbeit ist für sie sehr ernste Arbeit, weil sie am engsten mit dem Powerlifting selbst verbunden ist. Oft sind das schwerere Singles, wie bei der RFD-Arbeit. Das ist das Training, das zeigen soll, dass du besser wirst und dass du das wirklich kannst. Das erzeugt deutlich mehr Druck. Dieser Druck kann aber wertvoll und nützlich sein, wenn man sich entscheidet, ihn zu nutzen.
Athleten beschreiben oft, dass sie vor solchen Singles, besonders in der Kniebeuge oder im Kreuzheben, nervös oder ängstlich sind. Mike hält es für gut, sich dem zu stellen. Mit der Zeit baut das eine gewisse Härte, Widerstandskraft und Gelassenheit gegenüber dieser Art von Stress auf. Du lernst, deine Aufmerksamkeit zu bündeln und dich wirklich zu konzentrieren. Und das lässt sich noch erweitern, wenn man bewusst darauf achtet.
Mike trainiert fast sein ganzes Erwachsenenleben lang in seiner Garage. Er hat bemerkt: Wenn er außerhalb trainierte, bei einem Wettkampf oder unterwegs, ließ seine Leistung oft nach. Er konnte seine Aufmerksamkeit schlechter bündeln und sich schlechter konzentrieren, einfach weil die Umgebung anders war. Gedanklich machte er alles gleich, nur das Ergebnis war nicht ganz so gut.
Es ging nur um ein paar Prozent, aber gerade wenn es um gültige Versuche im Wettkampf geht, können diese paar Prozent zählen. Deshalb sucht Mike seit ein paar Jahren gezielt andere Trainingsumgebungen auf, um Fokus und Konzentration in verschiedenen Umgebungen zu üben. Diese Anpassung hilft ihm, im Wettkampf besser abzuschneiden.
Die Folie nennt die psychologischen Qualitäten: mentale Härte, Fokus und Konzentration, Selbstvertrauen und Glaube an sich selbst, Stressmanagement und Visualisierung. All das ist wichtig, wenn du Spitzenleistung zeigen willst, und am besten übst du es bei deiner Skill-Arbeit. Bei Hypertrophie- oder Assistenzarbeit bringt es wenig, dir dein Trizepsdrücken bildlich vorzustellen. Dein Kreuzheben, deine Kniebeuge oder dein Bankdrücken zu visualisieren, bringt dagegen etwas.
“Your mind is part of this system as well.” Auch dein Kopf ist Teil dieses Systems. Mike Tuchscherer
Die zweite Kategorie sind die strukturellen Anpassungen. Mike wendet sich zuerst an die „Muskel-Nerds“ unter den Zuhörern und möchte gleich zu Beginn etwas klarstellen.
Oft wird myofibrilläre Hypertrophie als die funktionale Hypertrophie bezeichnet, die stärker macht, und sarkoplasmatische als nicht funktional. Das stimmt laut Mike nicht: Der Körper passt sich nicht auf nicht funktionale Weise an. Würde man rein das Sarkoplasma vergrößern, würde das zumindest theoretisch nicht direkt stärker machen, wobei auch darüber diskutiert wird. Es würde aber mehr von dem bereitstellen, was Muskeln brauchen, um optimal zu arbeiten, zum Beispiel Muskelglykogen.
Die Wiederholungs- und RPE-Angaben auf der Folie sind laut Mike möglicherweise grob richtig, aber nichts davon passiert im luftleeren Raum. Du bekommst durch 30er-Sätze keine reine sarkoplasmatische Hypertrophie und durch 5er-Sätze keine reine myofibrilläre, und das glaubt auch niemand ernsthaft. Mike glaubt aber, dass Änderungen im Wiederholungsschema die Art des Wachstums ein wenig in die eine oder andere Richtung schubsen können. Und selbst wenn es nicht rein um myofibrillär gegen sarkoplasmatisch geht: Beim Training mit schweren Gewichten passieren deutlich andere strukturelle Anpassungen als beim Training mit leichten. Gleichwertig sind sie nicht.
Mike findet es nützlich, myofibrilläre Hypertrophie als Hypertrophie durch Training mit schweren Gewichten zu verstehen und sarkoplasmatische als Hypertrophie durch Training mit leichteren Gewichten. 10 Wiederholungen sind weder besonders schwer noch besonders leicht, und im mittleren Bereich gibt es eine ordentliche Spanne, die von beidem viel bringt. Der übliche Hypertrophiebereich von 8 bis 15 Wiederholungen bringt laut Mike eine gute Mischung aus beidem. Deshalb haben Praktiker ihn seit Beginn des Gewichtstrainings als wirksam erkannt: Er wirkt bei sehr vielen Menschen rundum, bringt auch längerfristige Anpassungen, ohne zu weit an ein Ende des Spektrums zu rutschen, und ist zeitlich pragmatisch. Das sei aber ein Thema für einen anderen Tag.
Wichtig: Hypertrophie passiert auch außerhalb dieses klassischen Bereichs. Strukturelle Anpassungen treten über eine ziemlich breite Spanne auf, und das ergibt Sinn, denn der Körper passt sich an jeden Reiz auf verschiedene Weise an. Ob du von myofibrillärer Anpassung sprichst oder von Hypertrophie durch schweres Heben, hält Mike für nicht so wichtig. Es scheint aber einen Unterschied zu geben, und er hat bessere Ergebnisse gesehen, wenn beides dabei ist. Man sollte sich nicht zu sehr auf einen Wiederholungsbereich festlegen.
“What I do think is that changes in the rep scheme can nudge the type of growth that you get a little bit in one direction or another.” Was ich glaube: Änderungen im Wiederholungsschema können die Art des Wachstums ein wenig in die eine oder andere Richtung schubsen. Mike Tuchscherer
Der dritte Punkt sind Anpassungen des Bindegewebes: dickere Sehnen und Bänder, Anpassungen der extrazellulären Matrix und so weiter. Sie helfen bei der Kraftübertragung, also dabei, dass die Kraft, die der Muskel erzeugt, tatsächlich auf den Knochen übertragen wird und sich die Hantel bewegt.
Am besten passt sich Bindegewebe an, wenn es schwerer Belastung ausgesetzt wird, natürlich in ausreichendem Umfang. Für einen Powerlifter sollte es kein Problem sein, schwere Belastung ins Training zu bringen. Sie muss ein bedeutender Teil des Programms sein, muss aber gesteuert werden, sowohl mit Blick auf die Kraftanpassung als auch auf die Verletzungsvermeidung. Dazu sagt Mike später mehr.
Viele Powerlifter haben das Gefühl, metabolische Anpassungen seien ihnen egal. Wie viel Energie braucht man schon für eine einzige Wiederholung? Tatsächlich sind die meisten Versuche im Wettkampf nicht metabolisch limitiert. Das heißt aber nicht, dass dich metabolische Anpassung nicht kümmern sollte. Ein für die spezifischen Anforderungen deines Sports entwickelter Stoffwechsel schafft laut Folie:
Denk an Gregs Grafik zurück: Es gibt eine riesige Liste an Dingen, die sich an Krafttraining anpassen können, und wir wollen möglichst viele davon zur Anpassung bringen. Besonders mit der Zeit braucht es dafür einen erheblichen Reiz. Dieses Training kannst du nicht bewältigen, wenn du dich nicht davon erholen kannst. Ist die Arbeitskapazität so niedrig, dass die ganze Trainingsenergie für Grundkoordination draufgeht, bleibt nichts für die Spezialisierung auf Teilaufgaben. Und man kann nicht nennenswert Hypertrophiearbeit machen, wenn schon die Skill-Arbeit alle Erholungsressourcen verbraucht.
Mike dachte selbst eine Zeit lang, so niedrig könne doch niemandes Arbeitskapazität sein. Er versichert: Diese Leute gibt es. Auch trainierte Athleten können eine niedrige Arbeitskapazität haben. Es gibt auf allen Niveaus, bei starken und weniger starken Athleten, Menschen, die metabolische Anpassung brauchen. Darauf zu achten, lohnt sich.
Mike verweist darauf, dass es später im Kurs eine ganze Lektion zu GPP gibt. Systemische Energieproduktion, Energienutzung und Erholung nach dem Training fallen alle unter allgemeine Arbeitskapazität.
Kannst du fünf Sätze à fünf Wiederholungen machen, oder geht dir nach dem zweiten Satz die Puste aus? Und wenn die Leistung nach dem zweiten Satz deutlich nachlässt, bekommst du dann noch die Anpassung, die du brauchst? Das hängt davon ab, wie stark der Abfall ist, aber darüber solltest du nachdenken. Eine hohe Arbeitsmenge bei hoher Leistung zu bewältigen und sich schnell von einem Reiz zu erholen, damit der nächste Reiz und die nächste Anpassungsrunde folgen können, ist eine nützliche Qualität.
Spezifische Arbeitskapazität zu verbessern heißt im Kern, die chronische Arbeitslast (Chronic Workload) zu steigern. Die chronische Arbeitslast ist das Grundniveau an Arbeit, das du ständig leistest. Hebst du es allmählich an, verbesserst du deine spezifische Arbeitskapazität. Für die allgemeine Arbeitskapazität bringt das womöglich nichts.
Bei diesem Thema musst du auch die Sensitivität für Training im Blick haben, auf die der Kurs später noch eingeht. Wenn du immer wieder denselben Reiz setzt, etwa jede Woche, jeden Block, Monat für Monat, Jahr für Jahr dein Single bei RPE 7, holst du dann noch etwas aus diesem Reiz heraus? Oder hast du die Empfindlichkeit deines Körpers dafür aufgebraucht, sodass er nur noch Hintergrundrauschen ist, das keine Anpassung mehr auslöst?
Sensitivität ist das Gegengewicht zur Arbeitskapazität. Der Begriff Arbeitskapazität legt nahe, dass mehr besser ist: mehr Kapazität, um mehr Arbeit zu vertragen. Sensitivität sagt dagegen: Es braucht keinen großen Reiz, damit sich der Körper anpasst. Er ist bereit, sich auch an einen niedrigeren Reiz anzupassen, und auch das ist nützlich. Zwischen Arbeitskapazität und Sensitivität muss man eine Balance finden, und das muss jeder Coach bewältigen.
“The body is willing to adapt to a lower level of stimulus, and that's useful as well.” Der Körper ist bereit, sich auch an einen niedrigeren Reiz anzupassen, und auch das ist nützlich. Mike Tuchscherer
Gemeint ist, dass gerade die Muskeln einen hohen ATP-Spiegel halten können: Sie arbeiten hart und sind dabei nicht durch die ATP-Verfügbarkeit eingeschränkt. Das ist Energiesystemarbeit die ganze Kette hinauf und hinunter, ob es um ATP- und Kreatinphosphatspeicher geht, um Glykogenspeicher oder um aerobe Kapazitäten. Rund um die Energieverfügbarkeit passieren viele Anpassungen, etwa bei Mitochondriendichte, Kapillarisierung und Glykogenspeicherung.
Im Powerlifting wird vieles davon durch Hypertrophiearbeit entwickelt. Machst du bei Isolationsübungen 15er-Sätze bis zum Muskelversagen, verbesserst du einige dieser Qualitäten, zumindest so weit sie fürs Powerlifting relevant sind. Das ist nicht alles, was man zur Energieproduktion bedenken muss, aber meist ein guter Anfang. Wenn Mike an Energieverfügbarkeit und -nutzung denkt, passt das gut zu Hypertrophieblöcken, besonders zu den eher sarkoplasmatisch ausgerichteten.
Die Faktoren, die Kraft beeinflussen, wären nicht vollständig ohne das Thema Verletzungen vermeiden und managen. Die Folie nennt es „die geheime Zutat in der Athletenvorbereitung“. Verletzungsfrei und gesund zu bleiben und so über lange Zeit Erfolge und Anpassungen aufeinanderzustapeln, ist entscheidend und viel Aufwand wert. Verletzungen und Rückschläge kosten Zeit und machen dich anfälliger für weitere Verletzungen.
Gleichzeitig gehört es zum Prozess: Jeder sammelt im Laufe des Trainings hier und da kleinere Blessuren und Wehwehchen. Entscheidend ist, schnell wieder ins Training zu kommen und Ausfallzeiten durch Verletzungen klein zu halten. Mike kündigt an, dass es dazu später eine ganze Lektion gibt.
Dort geht es unter anderem um Belastungssteuerung (Load Management). Mike überlegt, wer diese Lektion vermutlich anschaut: Kraft- und Powerlifting-Coaches und Athleten. Deren Aufgabenbereich eignet sich sehr gut dafür, viel auf die Belastungssteuerung zu achten. Das ist gut so, denn sie ist ein hervorragender Hebel. Man kann auch verstehen, wie Technik bei bestimmten Verletzungsneigungen eine Rolle spielt oder nicht, oder wie Aufwärmen dazu beiträgt, dass sich Athleten besser fühlen. Aber die Belastungssteuerung ist mit Abstand dein größter Hebel, um Verletzungen zu managen und nach Verletzungen zurückzukommen. Es lohnt sich, Zeit und Mühe zu investieren, um zumindest bei einfachen, kleineren Verletzungen ein klares Bild davon zu haben, wie man damit umgeht.
Außerdem ist es wichtig, ein professionelles Netzwerk aufzubauen. Egal wie gut du ausgebildet bist, es wird Probleme geben, die außerhalb deines Kompetenzbereichs liegen. Fachleute in deinem Netzwerk zu haben, an die du verweisen kannst, ist ein entscheidender Faktor, um deinen Athleten zu helfen.
“Load management will by far be your biggest lever when it comes to managing injuries and returning from injuries.” Belastungssteuerung ist mit Abstand dein größter Hebel, wenn es darum geht, Verletzungen zu managen und nach Verletzungen zurückzukommen. Mike Tuchscherer
Mike hat überlegt, ob es so früh im Kurs schon sinnvoll ist, ein Fallbeispiel ausführlich zu besprechen. Er lernt selbst aber am besten an Beispielen und will zeigen, dass das Modell aus Struktur, Skill und Metabolismus Kontakt zur Realität hat. In seiner Praxis tut es das, und er denkt, dass seine Athleten davon profitieren.
Ausgangslage: Zu Beginn der Zusammenarbeit war Nathaniel 44 Jahre alt und hatte 20 Jahre Trainingserfahrung. Er hatte kurze Abstecher ins Wettkampf-Bodybuilding gemacht und eine lange Powerlifting-Geschichte. Er hatte offensichtlich sehr viel Muskulatur aufgebaut und war ein erfolgreicher Powerlifter auf nationaler Ebene in den Masters-Klassen. Sein bestes Total vorher: 745 kg in der Klasse bis 100 kg.
Strategie: Eine Strategie kurz zusammenzufassen ist schwer, aber der Kern war eine Blockfolge. Ein Block lag zum Beispiel im Schwerpunkt auf struktureller Anpassung, vielleicht sarkoplasmatische Hypertrophie oder ein ausgewogenes Hypertrophieprofil. Die Skill- und metabolischen Anpassungen, die dabei passierten, behielt Mike trotzdem im Blick und steuerte sie direkt. Im Strukturblock war die Skill-Anpassung etwa die Spezialisierung auf Teilaufgaben, hatte also ebenfalls eine gezielte Komponente. Laut Folie wurde darauf geachtet, die Anpassungsmechanismen zu variieren.
Reihenfolge: Struktur, dann Metabolismus, dann Skill. Bei einem metabolischen Block denken manche an höhere Wiederholungen, Zirkel oder etwas, das nach CrossFit aussieht. So lief es hier nicht. Hauptziel des metabolischen Blocks war die spezifische Arbeitskapazität, kombiniert mit einem Strukturziel in Richtung myofibrillärer Hypertrophie und einem Skill-Ziel in Richtung Early RFD. Heraus kommt ein Block mit ziemlich schweren Gewichten, niedrigen Wiederholungen, kontrollierten Pausen (nicht superkurz, aber kurz genug), hoher Frequenz und eher geringem Umfang pro Einheit. Die Ziele greifen ineinander: Niedrige RPEs helfen, die hohe Frequenz zu halten, und unterstützen zugleich das Early-RFD-Ziel. Danach folgte ein Block mit Schwerpunkt auf Skill-Anpassungen.
Ergebnis: In den letzten 16 Monaten hat Nathaniel 55 kg auf sein Total gepackt, bei gleichem Körpergewicht, nach 20 Jahren Training. Auf der Folie steht außerdem: Bestleistungen in allen Disziplinen.
Bei anderen Athleten war die Reihenfolge etwas anders, oder sie änderte sich von Zeit zu Zeit. Bei Nathaniel hat die Folge Struktur, Metabolismus, Skill aber sehr gut funktioniert. Sie erlaubte, über die Trainingsblöcke hinweg eine große Bandbreite an Mechanismen in allen drei Kategorien zu berücksichtigen.
Zum Alter sagt Mike: Viele halten die Vierziger für alt, aber ehrlich gesagt ist das die Hochphase einer Powerlifting-Karriere. Viele Powerlifter kommen erst Mitte vierzig richtig in Fahrt. Das Alter arbeitet also nicht zwingend gegen ihn. Trotzdem sind 55 kg mehr auf dem Total bei gleichem Körpergewicht nach 20 Jahren Training unglaublich.
Mike erzählt das ausdrücklich nicht, um sich selbst zu loben. Die Programmierung hatte etwas damit zu tun, aber es ist Nathaniels Umsetzung: sein Einsatz, die Aufmerksamkeit in jeder Einheit, seine Bereitschaft, Feedback anzunehmen, seine Sorgfalt bei der Technik. Er ist derjenige, der sich anpasst und Leistung bringt. Es ist Teamarbeit, und Mike glaubt persönlich, dass die Reihenfolge etwas damit zu tun hat. Ein vollständiges Fallbeispiel wäre lehrreich, hier ging es ihm aber um ein praktisches Beispiel dafür, wie man mit dem Paradigma aus Skill, Struktur und Metabolismus arbeitet.
“He's the one that's adapting and he's the one that's performing. But it is a team.” Er ist derjenige, der sich anpasst, und derjenige, der Leistung bringt. Aber es ist ein Team. Mike Tuchscherer
Eine großartige Powerlifting-Leistung hat sehr viele Bestandteile, und die meisten davon sind trainierbar, zumindest auf irgendeiner Ebene. Bei manchen, etwa der Specific Tension, muss man vielleicht erst einen Weg finden, wie man sie verbessern kann. Du kannst auf Grenzen stoßen, auf Kapazitätsgrenzen, auf Terminprobleme und all die praktischen Dinge, mit denen Athleten und Coaches zu tun haben. Behalte aber im Kopf, dass diese Qualitäten trainierbar sind und dass du einen Weg finden kannst.
Mit dem Rahmen aus Skill, Struktur und Metabolismus kannst du auf alle Anpassungen achten, nicht nur auf die, auf die du dich gerade konzentrierst. So passiert es nicht, dass du plötzlich merkst: Seit sechs Monaten habe ich keine Early-RFD-Arbeit mehr gemacht. Du kannst Athleten breit und rundum entwickeln, auf eine Weise, die Plateaus so weit wie möglich begrenzt. Und du kannst das Verletzungsrisiko senken und lange auf sehr produktive Weise trainieren.
Mike räumt ein, dass er sich für eine Lektion wie diese eigentlich konkrete, direkt umsetzbare Erkenntnisse wünscht. Hier aber ist der Rahmen selbst die Erkenntnis, und in den folgenden Lektionen werden die Inhalte in diesen Rahmen eingeordnet. Wenn es also später um Protokollentwicklung geht oder darum, welche Anpassungen etwa ein Satz Myo-Reps bewirkt, denk an Skill, Struktur und Metabolismus: Was passiert mit dem Skill, welche strukturellen und welche metabolischen Anpassungen löst dieses Protokoll aus? Und mach das mit allen Bausteinen, die du in diesem Kurs lernst.
“I think the framework, the structure is the takeaway, and in the remaining lessons we're going to try to put things in the structures.” Ich denke, der Rahmen, die Struktur ist die eigentliche Erkenntnis, und in den restlichen Lektionen versuchen wir, die Dinge in diese Struktur einzuordnen. Mike Tuchscherer
Zitate aus der automatischen Abschrift des Videos; offensichtliche Transkriptionsfehler wurden behutsam bereinigt. Folienbilder aus dem Video, Zeitangaben gerundet.
In dieser Lektion geht es um die ersten vier Grundprinzipien der Trainingsplanung: Spezifität, progressive Überlastung (Progressive Overload), das Allgemeine Anpassungssyndrom (General Adaptation Syndrome) mit dem Fitness-Fatigue-Modell und das Ermüdungsmanagement (Fatigue Management). Vorab klärt Ross den Unterschied zwischen bloßer Bewegung und echtem Training. Die übrigen Grundprinzipien folgen in Teil 2.
Mike Tuchscherer eröffnet die Lektion. Die Grundprinzipien werden in zwei Teilen behandelt, dies ist Teil 1. Als Referenten hat er Coach Ross Leppala ausgewählt. Ross ist seit 2017 Vollzeit-Coach bei RTS. Davor hat er als Bau- und Tragwerksingenieur gearbeitet, und diese Expertise bringt er in sein Coaching ein. Über die Jahre hat er seine Fähigkeiten als Coach so weit ausgebaut, dass es selbst Mike überrascht, der direkt mit ihm zusammenarbeitet. Sein Spektrum reicht heute von autoregulierter Trainingsplanung bis zum mentalen Training. Er betreut Lifter von der lokalen Ebene bis hin zu Weltmeistern, und viele der RTS-Lifter, die bei IPF-Weltmeisterschaften antreten, werden von Ross gecoacht.
Für genau dieses Thema hält Mike ihn wegen seines Ingenieurhintergrunds für besonders geeignet: Schon bevor Ross zu RTS kam, gab ihm dieser Hintergrund eine Arbeitsweise mit, nämlich komplexe Ideen und Konzepte auf ihre Grundprinzipien herunterzubrechen und diese Prinzipien dann für individuelle, kreative Lösungen zu nutzen.
“That methodology of distilling complex ideas and concepts down to their foundational principles, and then applying those principles to unique and creative solutions.” Diese Methode, komplexe Ideen und Konzepte auf ihre Grundprinzipien herunterzubrechen und diese Prinzipien dann für individuelle und kreative Lösungen zu nutzen. Mike Tuchscherer
Ross stellt sich danach selbst vor. Er hat mit 12 Jahren mit dem Langhanteltraining begonnen und wird zum Zeitpunkt der Aufnahme bald 40. Er trainiert also schon sehr lange und war die ganze Zeit über ziemlich konstant dabei. Das Training hat ihm die Gelegenheit gegeben, mit vielen beeindruckenden Leuten zu trainieren und unterwegs Mentoren zu haben, von denen er sehr viel gelernt hat. Vor seiner Zeit bei Mike hat er einige Jahre auf eigene Faust gecoacht, 2017 ist er dann von der Ingenieurarbeit ganz ins Coaching gewechselt. Was ihn am Powerlifting reizt, ist die Idee, die eigenen Grenzen zu verschieben: Wie viel Gewicht kann ich wirklich auf diese Stange packen und bewegen?
Das Lernziel von Teil 1 ist, die folgenden Grundprinzipien zu verstehen:
Bevor Ross in die Prinzipien einsteigt, hält er es für wichtig, den Unterschied zwischen Exercise (Bewegung, körperliche Betätigung) und Training anzuerkennen, mit dem Blick, der dieser Lektion zugrunde liegt.
Im Powerlifting ist dieses Ziel eine größere Kniebeuge, ein größeres Bankdrücken, ein größeres Kreuzheben und damit ein größeres Total. Alles, was du tust, soll also so organisiert sein, dass es dich auf dieses Ziel hin voranbringt.
“Training can be those same exercises and those same movement patterns, but they are more intentionally organized and programmed to push you towards a specific goal.” Training kann aus denselben Übungen und Bewegungsmustern bestehen, aber sie sind bewusster organisiert und programmiert, um dich auf ein bestimmtes Ziel hin voranzubringen. Ross Leppala
Die allgemeine Definition von Specificity (Spezifität) lautet: die Eigenschaft, einem bestimmten Gegenstand eindeutig anzugehören oder sich eindeutig auf ihn zu beziehen. Das ist recht breit, deshalb engt Ross es auf das Powerlifting ein. Seine Interpretation: Spezifisch heißt, die größtmögliche Nähe zur Wettkampfübung zu haben.
“The way I look at that for powerlifting is being the closest possible variation to the competition exercise.” So, wie ich das fürs Powerlifting sehe, heißt es: die Variante zu sein, die der Wettkampfübung so nahe wie möglich kommt. Ross Leppala
Spezifität ist kein Entweder-oder, sondern ein Spektrum von „weniger spezifisch“ bis „spezifischer“. Je näher du an der Wettkampfübung bist, so wie sie im Wettkampf ausgeführt wird, desto spezifischer ist es. Je weiter du dich davon entfernst, desto weniger spezifisch ist es. Zwei Beispiele von Ross:
Entscheidend ist vor allem, zu verstehen, dass es eine große Bandbreite gibt zwischen dem, was du auf der Wettkampfbühne machst, und den Übungen, mit denen du deine Leistung dort verbessern kannst.
Spezifität kann an zwei Stellen variieren: bei der Übung selbst und bei der Belastung.
Ross selbst legt den Schwerpunkt der Spezifität eher auf die Bewegung als auf die Belastung, so steht es auch auf der Folie („Primary focus on the movement“). Trotzdem hat die Belastung Auswirkungen, vor allem bei hohen Wiederholungszahlen, Arbeitskapazitäts-Training, Myo-Reps und Bodybuilding-Arbeit für Hypertrophie. Darauf kommt der Kurs später noch zurück: Ross behandelt die Variation in Teil 2 der Grundprinzipien, und John Garafano (Name laut Abschrift) stellt später Protokolle vor, die ebenfalls mit diesem Gedanken spielen.
“I do like to think and tend to approach this as: the primary focus on specificity is the movement more than the loading.” Ich sehe das eher so und gehe es so an: Bei der Spezifität liegt der Hauptfokus mehr auf der Bewegung als auf der Belastung. Ross Leppala
Progressive Overload (progressive Überlastung) ist laut Folie ein Prinzip des Krafttrainings, das für eine allmähliche Steigerung der Belastung eintritt, die über die Zeit auf den Bewegungsapparat und das Nervensystem einwirkt.
Das Balkendiagramm auf der Folie zeigt das Prinzip: Von Woche 1 bis Woche 4 steigt der Wert jede Woche. Wer stärker werden will, muss mehr Gewicht auf die Stange bringen können. Um mehr Gewicht auf die Stange bringen zu können, musst du also fortlaufend mehr Gewicht auf die Stange packen. Genau das versucht man mit dem Trainingsreiz zu erreichen.
“If we want to get stronger, we have to be able to put more weight on the bar.” Wenn wir stärker werden wollen, müssen wir mehr Gewicht auf die Stange bringen können. Ross Leppala
In der Anwendung gibt es mehrere Ansatzpunkte:
Du arbeitest im Volumen mit 70 %. In Woche 1 liegt das e1RM bei 100, in Woche 2 bei 105, in Woche 3 bei 110. Mit gleichem Prozentsatz wird die Last jede Woche größer. Auch das trägt zur progressiven Überlastung über die Zeit bei.
Ross betont, dass es noch weitere Wege gibt, Progressive Overload anzuwenden. Die Folie stellt deshalb die Frage an dich: Welche anderen Wege fallen dir ein? Er lädt dazu ein, sich bei ihm zu melden und darüber zu sprechen.
Das General Adaptation Syndrome (GAS), das Allgemeine Anpassungssyndrom, gilt in seiner allgemeinsten Form nicht nur fürs Gewichtheben, sondern für jede Art von Stress. Es beschreibt, wie dein Körper auf Stress reagiert, egal ob es eine Kniebeuge ist, jemand, der um die Ecke springt und „Buh!“ ruft, oder der Stress einer Abschlussprüfung in der Schule. All das ist Stress, und all das durchläuft der Körper auf dieselbe Weise.
“This is how our body responds to all kinds of stress, whether it be a squat or somebody jumping around the corner and going ‘boo’, or the stress of a final exam in school.” So reagiert unser Körper auf alle Arten von Stress, ob es eine Kniebeuge ist, jemand, der um die Ecke springt und „Buh!“ ruft, oder der Stress einer Abschlussprüfung in der Schule. Ross Leppala
Ross entschuldigt sich für die körnige Abbildung, er habe keine bessere gefunden. Die Kurve zeigt den Ablauf:
Eine andere Darstellung desselben Gedankens ist das Fitness-Fatigue-Modell (Fitness-Ermüdungs-Modell). So liest du das Diagramm:
Angewendet ergibt sich die Abfolge Stimulus, Recover, Progress: Du musst einen Reiz setzen, dich über die Zeit davon erholen, und das ermöglicht dir, Fortschritte zu machen. Das ist es, was deine Leistung steigen lässt.
Eine Schlüsselidee: Auf der Zeitachse stehen bewusst keine Zahlen. Angenommen, ein bestimmter Abschnitt wären 24 Stunden, dann würde das nicht für jeden gleichermaßen gelten. Jeder Mensch reagiert unterschiedlich schnell.
Ross macht seine Wettkampfkniebeuge an Tag 1 und sein Wettkampfkreuzheben an Tag 2, und das beeinträchtigt ihn nicht. Andere Lifter werden davon beeinträchtigt. Der wahrscheinliche Grund: Bei ihnen ist diese Phase größer, die Zeitachse dauert vielleicht 48 Stunden, während sie bei Ross vielleicht 24 Stunden dauert.
Diesen Punkt sollst du im Kopf behalten, wenn du Training schreibst, und auch in den weiteren Lektionen, weil er in viele Dinge hineinspielt.
“Each person is going to respond to that at a different rate.” Jeder Mensch wird darauf unterschiedlich schnell reagieren. Ross Leppala
Daran knüpft ein Gedanke an, den Ross für sehr wichtig hält und der auf der Folie als Zitat steht: Du wirst nicht stärker, indem du Gewichte hebst, sondern indem du dich davon erholst. Das spielt in das Fitness-Fatigue-Modell, in das Allgemeine Anpassungssyndrom und in das Fatigue Management hinein.
“You don’t get stronger from lifting weights. You get stronger from recovering from lifting weights.” Du wirst nicht stärker, indem du Gewichte hebst. Du wirst stärker, indem du dich davon erholst, Gewichte zu heben. Ross Leppala, Folienzitat
Ross gibt zwei Sichtweisen auf das Fatigue Management (Ermüdungsmanagement):
Deshalb musst du Ermüdung steuern können. Das kann schwierig sein, denn Ermüdung ist subjektiv: Verschiedene Athleten und verschiedene Menschen erleben sie unterschiedlich. Allgemein gesprochen ist Fatigue laut Folie extreme Müdigkeit infolge geistiger oder körperlicher Anstrengung, Stress oder Krankheit. All das spielt hinein.
Ross erinnert daran, dass das Allgemeine Anpassungssyndrom für jede Stressquelle gilt, ob Trainingsstress oder Stress im Alltag. Stress ist Stress. Das solltest du beim Fatigue Management kennen und berücksichtigen.
“Whether it be training stress or life stress, things of that nature, stress is stress.” Ob Trainingsstress oder Stress im Alltag und dergleichen: Stress ist Stress. Ross Leppala
Um Ermüdung greifbar zu machen, schaut Ross auf vier Bereiche:
Muskelkater: Ross selbst bekommt sehr starken Muskelkater bei einer neuen Übung, die er noch nie oder lange nicht gemacht hat, besonders bei hohen Wiederholungszahlen. Er muss das wissen, um sich Zeit zu geben, sich daran anzupassen.
Energiesysteme: Du machst einen Zehnersatz, die neunte Wiederholung liegt bei RPE 5, und bei der zehnten fällt es plötzlich wie von einer Klippe ab auf RPE 9. Das ist ein Zeichen für ineffiziente Energiesysteme. Ebenso, wenn du die Fähigkeit verlierst, eine Einheit zu Ende zu bringen, die normalerweise machbar sein sollte.
Psychische Ermüdung: Gegen Ende eines Entwicklungsblocks hat Ross manchmal kaum noch Lust zu trainieren, was bei ihm selten ist. Wenn er etwas von seiner Lust am Heben verliert, ist das für ihn ein Zeichen, dass er Erholung braucht und die angesammelte Ermüdung steuern muss. Sonst riskiert er Verletzungen und andere Probleme.
Die Folie schließt mit dem Satz: Es geht um die subjektiven Empfindungen, wie „gut“ du dich fühlst, um mehr Trainingsreiz zu verkraften. Kannst du mehr Reiz vertragen, oder musst du ihn reduzieren, weil es dir schlecht geht? Subjektiv ist das, weil das, was du im Training spürst, anders ist als das, was Ross spürt. Du musst zumindest aufmerksam dafür sein, was diese Signale sind und wie du dich fühlst.
“What you feel from training will be different than what I feel from training.” Was du im Training spürst, wird anders sein als das, was ich im Training spüre. Ross Leppala
Für die Anwendung zeigt die Folie drei Hebel:
Behalte alle Ermüdungsanzeichen im Blick: Muskelkater, Gelenkbeschwerden, Motivation, psychische Erschöpfung. Sind viele davon ausgeprägt, also starker Muskelkater, steife Gelenke, keine Lust zu trainieren, musst du das Training eventuell herunterdrehen. Ist nichts davon vorhanden, kannst du das Training vielleicht hochdrehen, und das ist in Ordnung.
Im Training kann die Belastung aus zwei Quellen kommen:
Ross hat Lifter, die auf eine bestimmte Form von Tempo-Kreuzheben geradezu „allergisch“ reagieren (die genaue Tempoangabe ist in der Abschrift nicht eindeutig). Sie sehen die Übung im Plan und bekommen sofort heftigen Muskelkater in den hinteren Oberschenkeln, mit dem sie nichts mehr machen können. Andere Lifter dagegen machen genau diese Übung in ihrer Wettkampf-Peaking-Vorbereitung, weil sie so gut darauf ansprechen. Das sind individuelle Unterschiede. Es kommt darauf an, wahrzunehmen, welche Ermüdung der Einzelne spürt, damit du anpassen kannst.
“I have some lifters that I work with who are allergic to tempo deadlifts… where I have other lifters who we use that in their competition peaking prep because they respond so well to it.” Ich habe Lifter, die allergisch auf Tempo-Kreuzheben reagieren, und andere Lifter, bei denen wir genau das in der Wettkampfvorbereitung einsetzen, weil sie so gut darauf ansprechen. Ross Leppala
Ross’ Fazit zu diesen Methoden: Wenn etwas für dich oder deinen Lifter zu funktionieren scheint, dann mach es. Die Wirkung ist zum Teil subjektiv, und ein Placebo-Effekt ist oft ein berechtigter Grund, etwas zu tun, denn der Kopf ist sehr mächtig.
“If it appears to work for you or for your lifter, well, then do it. Placebo effect is a valid reason to do something a lot of times.” Wenn es für dich oder deinen Lifter zu funktionieren scheint, dann mach es. Der Placebo-Effekt ist oft ein berechtigter Grund, etwas zu tun. Ross Leppala
Zum Schluss stellt die Folie wieder eine Frage an dich: Welche anderen Wege fallen dir ein, Ermüdung zu steuern? Ross ist sicher, dass es weitere gibt und dass verschiedene Menschen die Variablen auf verschiedene Weise verändern, um bessere Erholung und besseres Fatigue Management zu ermöglichen. Damit verabschiedet er sich bis zu Teil 2 der Grundprinzipien.
Zitate aus der automatischen Abschrift des Videos; offensichtliche Transkriptionsfehler wurden behutsam bereinigt. Folienbilder aus dem Video, Zeitangaben gerundet.
In dieser Lektion geht es um die übrigen Grundprinzipien der Trainingsplanung: Variation, Periodisierung (Periodization), Phase Potentiation und die individuellen Unterschiede, sichtbare wie unsichtbare. Ross zeigt dazu Beispiele aus seinem eigenen Training und aus seinem Coaching, fasst am Ende alle Grundprinzipien aus Teil 1 und Teil 2 zusammen und schließt mit dem Gedanken, dass wir zuerst Menschen und dann Athleten sind.
Coach Ross Leppala begrüßt dich zurück und knüpft direkt an die letzte Lektion an. In Teil 1 hat er einige Grundprinzipien behandelt, in Teil 2 baut er darauf auf und erweitert sie.
Das Lernziel von Teil 2 ist, die folgenden Grundprinzipien zu verstehen:
Den letzten Punkt hebt Ross eigens hervor: Nicht alle Unterschiede zwischen Menschen lassen sich mit bloßem Auge erkennen. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, wo sie liegen.
“Not all differences are ones that we can see with our eyes. So it’s important to understand where those are at.” Nicht alle Unterschiede sind solche, die wir mit unseren Augen sehen können. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, wo sie liegen. Ross Leppala
Ross erklärt, warum er von Grundprinzipien spricht und warum der Kurs „Foundations of Programming“ heißt: Ein Foundation (Fundament) ist laut Folie eine zugrunde liegende Basis oder ein zugrunde liegendes Prinzip.
Diese Prinzipien stecken in praktisch jedem Trainingsprogramm, ob für Powerlifting, Football, CrossFit oder olympisches Gewichtheben. Dieser Kurs ist speziell auf das Training für Powerlifting ausgerichtet, und das sieht anders aus. Viele der Grundprinzipien aus Teil 1 und Teil 2 sind aber in nahezu jedem Trainingsplan enthalten. Deshalb ist es so wichtig, zumindest ein Grundverständnis davon zu haben.
Dafür musst du nicht in jedes wissenschaftliche Detail einsteigen. Zu wissen, was diese Prinzipien sind und wie sie sich ungefähr auf das Training auswirken, hilft dir aber, bessere Entscheidungen zu treffen.
“We don’t need to get super into the scientific details of every last little thing. However, knowing what they are and how they kind of impact the training will help us make better choices.” Wir müssen nicht bis ins letzte wissenschaftliche Detail gehen. Zu wissen, was sie sind und wie sie sich ungefähr auf das Training auswirken, hilft uns aber, bessere Entscheidungen zu treffen. Ross Leppala
Die Folie betrachtet Variation aus drei Blickwinkeln:
Du solltest wissen, wie du das Training variieren kannst: über die Übung, das Belastungsprotokoll, den Reiz und ähnliche Stellschrauben. Wichtig ist dabei die Absicht hinter einer Variation, denn verschiedene Variationen trainieren verschiedene Qualitäten, und damit lassen sich grundlegende Eigenschaften verbessern.
Ross’ Beispiel: Ist die Arbeitskapazität ein limitierender Faktor im Training, brauchst du vielleicht Variationen, die genau auf die Arbeitskapazität zielen. Das sieht ganz anders aus als die zentralen Peaking-Strategien, wenn du dich auf einen Wettkampf vorbereitest.
Du solltest also verstehen, wo Variationen vorkommen, wofür und wie man sie einsetzen kann, um Stagnation zu verhindern und die Empfindlichkeit für den Trainingsreiz zu erhalten. So reagierst du weiterhin positiv auf das Training und, im Zusammenhang mit einem Powerlifting-Wettkampf, auf das Peaking.
Ein wichtiger Weg, über Variation nachzudenken, ist die Übungsklassifikation mit speziellen Entwicklungsübungen (SDE), speziellen Vorbereitungsübungen (SPE) und dergleichen. Das behandelt Gabby (Name laut Abschrift) in einer eigenen, ausführlicheren Lektion, darauf verweist auch die Folie („More in Exercise Classification“).
Im Powerlifting kann Variation sehr wichtig sein: Sie verändert den Reiz und hilft dir, im Trainingsprogramm unterschiedliche Dinge anzusprechen. Die Folie nennt zwei Beispiele:
Mit einer Übungsvariation, die ganz gezielt die körperliche Limitierung im Training eines Lifters anspricht, kannst du diese Schwäche angehen und verbessern. Und das überträgt sich auf die Wettkampfbühne.
“When we slow things down, that can really help an athlete develop kinesthetic awareness. They can feel their body move through space a lot better.” Wenn wir die Bewegung verlangsamen, kann das einem Athleten sehr helfen, kinästhetische Wahrnehmung zu entwickeln. Er spürt dann viel besser, wie sich sein Körper durch den Raum bewegt. Ross Leppala
Die Folie gibt zwei Bestimmungen der Periodization (Periodisierung):
Die Periodisierung steuert also alles, worüber Ross bisher gesprochen hat: Ermüdung und Erholung, das Allgemeine Anpassungssyndrom, das Prinzip der Überlastung, die Variation und wie all diese Bestandteile ineinandergreifen. Ross kündigt an, dass in späteren Lektionen Ideen zur Gestaltung von Mikrozyklen, zur Blockperiodisierung und zur Abfolge von Blöcken folgen, die genauer zeigen, was Periodisierung ist und wie du sie in dein Training einbaust.
Das grundlegende Ziel der Periodisierung ist, einen Zustand der Überlastung sicherzustellen und gleichzeitig erholt zu sein. Du musst dich immer von dem Training erholen können. Sonst gerätst du in die Erschöpfungsphase des Allgemeinen Anpassungssyndroms. Und wenn du dort bist, gibt es keine Erholung bis zu dem Punkt, an dem du deine Kraft zeigen kannst, also die Kraft, die Fähigkeiten und die Zuwächse, für die du vielleicht sehr hart gearbeitet hast.
“Periodization is just the plan that helps manage all those other variables that we’re talking about.” Periodisierung ist einfach der Plan, der hilft, all die anderen Variablen zu steuern, über die wir sprechen. Ross Leppala
Periodisierung und Progressive Overload lassen sich auf verschiedene Weise umsetzen. Es gibt viele Systeme: lineare Periodisierung, Blockperiodisierung, Emerging Strategies und weitere, etwa die tägliche wellenförmige Periodisierung (Daily Undulating Periodization).
Die Folie fasst zusammen: Periodisierung ist das System. Das System ist dafür da, Variation und Fatigue Management zu steuern, während progressive Überlastung angewendet wird. Es ist eine Harmonie der Prinzipien in einem stimmigen Trainingsplan, damit der Athlet das Training befolgen und umsetzen kann.
Wenn die Variablen geordnet, in der richtigen Reihenfolge und auf die richtige Weise organisiert sind, dann zeigen sich die Zuwächse: mehr Kraft und eine bessere Fähigkeit, diese Kraft auch zu zeigen. Periodisierung ist also die Frage, wie du all die Informationen und Variablen organisierst, während du Überlastung erzeugst und die Ermüdung so steuerst, dass du dich erholen kannst.
Ross nennt Phase Potentiation ein interessantes Prinzip. Das Team hat ehrlich gesagt diskutiert, ob es überhaupt in den Kurs gehört, weil es, wie Ross sagt, mangels eines besseren Wortes ein wenig ein Randthema ist. Manche Leute glauben fest daran, andere sagen, so funktioniere das nicht.
Sie haben sich entschieden, es aufzunehmen. Ihre Einschätzung: Es gibt Situationen, in denen es anwendbar ist, in denen es wahrscheinlich tatsächlich auftritt und in denen sie es auch beobachten. Es tritt aber vielleicht nicht bei jedem auf, und es kann bei Lifter A anders ablaufen als bei Lifter B oder Lifter C. Als Coach musst du deshalb genau darauf achten, wie der Lifter reagiert: Vielleicht findet eine Phase Potentiation statt, vielleicht auch nicht.
Die Definition auf der Folie: Phase Potentiation ist ein Konzept, nach dem der Reiz aus Block A Potenzial für Kraftzuwächse aufbaut, die dann in Block B realisiert werden. In Block A siehst du vielleicht gar keine Zuwächse oder Fortschritte. Aber er baut sozusagen potenzielle Energie auf, die sich in Block B entlädt, und Block B ist dann herausragend gut.
“You might not necessarily have any gains or progress in block A, but it builds up potential energy, so to speak, for it to be realized in block B.” In Block A hast du vielleicht gar keine Zuwächse oder Fortschritte, aber er baut sozusagen potenzielle Energie auf, die dann in Block B realisiert wird. Ross Leppala
Als Anwendung zeigt Ross einen Teil seines eigenen Trainings der letzten Monate, in dem er Periodisierung und Phase Potentiation in diesem Sinne einsetzt. Die Folie zeigt drei Blöcke nebeneinander, jeweils mit den Einheiten am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag.
Off-Season Block (Nebensaison-Block): Er kommt typischerweise nach einem Wettkampf. Die Spezifität ist niedriger, sowohl bei der Übungsauswahl als auch beim Protokoll, deshalb nennt Ross ihn Nebensaison-Block. Darin stehen Kreuzheben in anderer Fußstellung (auf der Folie Kreuzheben sumo), Arbeit mit höheren Wiederholungszahlen, meist kein Bankdrücken nach Wettkampfstandard, mehr SPE-Arbeit und ein ganzer Tag nur für Sprints (Freitag). Ein Beispiel ist die Beinpresse mit 20 Wiederholungen bei RPE 9 (auf der Folie „x20 @9“). Dahinter steckt noch mehr, was auf der Folie nicht zu sehen ist: ein Myo-Rep-Satz. Nach dem Zwanzigersatz ruht Ross 30 Sekunden und macht dann alle 30 Sekunden Fünfersätze, bis er RPE 10 erreicht. Das ist sehr volumenbetont und zielt auf die Arbeitskapazität.
Volume Block (Volumenblock): Er bringt wieder mehr Spezifität. Ross verwendet einige der Wettkampfübungen, aber mit Protokollen, die stärker auf Wiederholungen und Arbeitskapazität ausgerichtet sind und ihm helfen, Arbeitskapazität und Volumen aufzubauen. Die Protokolle sind nicht so intensiv wie in einem zentralen Entwicklungsblock.
Development Block (Entwicklungsblock): Hier ist die Intensität deutlich höher. Ein Fehler auf der Folie: Vor der Kniebeuge mit Gürtel 4x4 @80 % sollte eigentlich eine Einzelwiederholung bei RPE 8 („x1 @8“) stehen, sie fehlt auf der Folie, wofür Ross sich entschuldigt. Ein Großteil seiner Kernarbeit wird über schwere Einzelwiederholungen als Benchmark gesteuert. Selbst am speziellen Entwicklungstag (Freitag), an dem er Hilfsübungen für seine körperlichen Limitierungen macht, ist die Intensität im Entwicklungsblock höher als im Volumenblock.
Ross fährt mehrere Entwicklungsblöcke hintereinander, die ihn in einen Wettkampf hineinführen und ihn für den Wettkampf peaken. Danach hängt es vom zeitlichen Abstand zwischen Wettkampf A, B und C ab, in welche Phase er zurückgeht: nur in einen Volumenblock, direkt wieder in einen Entwicklungsblock oder, wenn genug Zeit ist, ein paar Wochen Nebensaison-Block. Er hat auch schon direkt von einem Nebensaison-Block in einen Entwicklungsblock gewechselt.
Den Nebensaison-Block macht Ross seit etwa einem bis anderthalb Jahren. Er hilft ihm, nach den körperlichen und mentalen Strapazen einer Wettkampfvorbereitung abzuschalten. Ross hat festgestellt, dass dieser Block seiner Gesundheit und Belastbarkeit sehr gutgetan hat, wenn er danach in die spezifischeren Peaking-Zyklen für den Wettkampf geht. Für seine Entwicklung im Powerlifting war das sehr wertvoll.
So stellt sich Ross die Phase Potentiation von Block zu Block vor: Im Nebensaison-Block baut er Volumen, Arbeitskapazität, Belastbarkeit und Widerstandsfähigkeit auf. All das speist seine Fähigkeit, danach die Spitzenkraft für die Wettkampfbühne zu entwickeln und sie, wenn alles gut läuft, im Wettkampf zu zeigen.
“This really helps me decompress from the physical and mental rigors of getting ready for a competition.” Das hilft mir wirklich, von den körperlichen und mentalen Strapazen der Wettkampfvorbereitung abzuschalten. Ross Leppala
Dieses Prinzip ist wichtig, weil wir alle verschieden sind. Die Folie ordnet die Unterschiede in drei Gruppen:
Für die meisten sind sie leicht zu erkennen, zum Beispiel die Gliedmaßenlänge:
Jeder Körperbau hat also Vor- und Nachteile. Die meisten sichtbaren Unterschiede kannst du nicht ändern: nicht die Gliedmaßenlänge, nicht das Alter, nicht die Handgröße. Die Handgröße wirkt sich zum Beispiel darauf aus, ob du im Hakengriff (Hook Grip) ziehen kannst oder den Wechselgriff (Over-Under) nehmen musst.
Diese Unterschiede wirken sich auf das Training aus. Jemand, der von Natur aus eher Kreuzheber als Bankdrücker oder Kniebeuger ist, verträgt vielleicht mehr Volumen im Kreuzheben als im Bankdrücken oder in der Kniebeuge, und umgekehrt: Wer für die Kniebeuge gebaut ist, verträgt wahrscheinlich etwas mehr Arbeit in der Kniebeuge als im Kreuzheben. Ross sieht dabei meist keine riesigen Unterschiede, aber es kann sie geben, deshalb solltest du dir dessen bewusst sein.
Gang und Haltung: Wie gut geht ein Mensch, und was sagt dir das darüber, was er brauchen könnte? Wenn Ross jemanden sieht, der nicht sauber gehen kann, braucht dieser Mensch wahrscheinlich Arbeit an der Beweglichkeit. Das hilft ihm, seinen Bewegungsumfang besser zu nutzen und sich in den Wettkampfübungen sauberer durch den Raum zu bewegen. Gerade wenn du einen neuen Lifter übernimmst, kannst du daraus, wie er geht, einiges ablesen. Auch die Haltung beeinflusst, wie er sich durch den Raum bewegt.
Athletik: Ross hat bei sich selbst erlebt, dass seine Athletik nachlässt, wenn er sich zu lange ausschließlich auf Powerlifting konzentriert. Genau deshalb macht er die Sprints in der Nebensaison. Sie haben seine empfundene Athletik wiederbelebt: Er fühlt sich schneller und explosiver und kann besser die Richtung wechseln als ohne diese Arbeit. Das hat ihm geholfen, für das eigentliche Powerlifting-Training gesünder und belastbarer zu bleiben. Bei seinen Liftern schaut er deshalb auch darauf, wie athletisch sie sind und was es ihrem Powerlifting-Training bringen könnte, athletische Qualitäten zu entwickeln.
Sie beeinflussen das Training erheblich:
Eine Studentin oder ein Student in der Prüfungswoche steht unter viel Alltagsstress, in diesem Moment passieren für diese Person sehr wichtige Dinge, und das ist nicht nur das Training. Dann kann es sinnvoll sein, die Anforderungen der Trainingsbelastung in dieser Woche zu senken, damit die Person die gesamte Last aus dem Leben bewältigen kann, nicht nur aus Studium und Training.
“Stress is stress. The general adaptation syndrome occurs from all sources of stress, not just training stress.” Stress ist Stress. Das Allgemeine Anpassungssyndrom tritt bei allen Stressquellen auf, nicht nur beim Trainingsstress. Ross Leppala
Die Folie zeigt Ross selbst und Dana McNeill (Name laut Abschrift) jeweils im Lockout des Kreuzhebens. Ross ist kurzgliedrig und kompakt gebaut, also für Bankdrücken und Kniebeuge. Dana ist langgliedrig und für das Kreuzheben gebaut, sie hat ein gewaltiges Kreuzheben.
Die Frage auf der Folie lautet: Welcher Unterschied erzählt hier die Geschichte, die uns interessiert? Ross schaut gern auf die Ellenbeuge im Verhältnis zur Hüfte. Das verrät viel über Beinlänge, Rumpflänge, Armlänge und das Verhältnis dieser Maße zueinander.
Diese Variablen lassen sich nicht ändern. Du musst dir ihrer nur bewusst sein und wissen, wie sie sich darauf auswirken, was ihr macht und wie du das Training schreibst.
“I like to look at the elbow pockets in relationship to the hip. That gives us a lot of information on leg length, torso length, arm length and that whole ratio.” Ich schaue gern auf die Ellenbeuge im Verhältnis zur Hüfte. Das gibt uns viele Informationen über Beinlänge, Rumpflänge, Armlänge und das gesamte Verhältnis. Ross Leppala
Für die Anwendung nennt die Folie drei Ansatzpunkte:
Ross hatte Lifter, die bei gleicher Kniebeuge- und Kreuzhebe-Arbeit die Kniebeuge als viel härter empfunden haben. Darauf hat er eine individuelle RPE-Tabelle geschrieben und einen Teil der Arbeit umverteilt: etwas mehr Arbeit ins Kreuzheben, etwas weniger in die Kniebeuge. Die individuelle RPE-Tabelle sorgte dafür, dass prozentbasierte Volumenarbeit besser passte.
Es kann also eine andere Verteilung der Arbeit sein, eine individuelle RPE-Tabelle für verschiedene Übungen oder eine Kombination aus beidem. Das solltest du beim Schreiben des Trainings bedenken.
Für manche Lifter schreibt Ross einen Oberkörper-Unterkörper-Split. Für sein eigenes Training reagiert er darauf „allergisch“: Er will nicht die ganze Unterkörperarbeit in einer Einheit machen, das sieht ihm nach sehr viel aus. Außerdem spricht er gut auf hochfrequentes Bankdrücken an. Für ihn würde ein solcher Split also nicht funktionieren, für viele andere aber schon.
In Ross’ Training und in vielem, was er schreibt, liegen die Wettkampfübungen früh in der Woche: Tag 1 ist in der Regel Wettkampfkniebeuge und Wettkampfbankdrücken, Tag 2 Wettkampfkreuzheben. Nicht jeder verkraftet das direkt hintereinander. Viele brauchen einen Tag dazwischen oder sogar mehr, und genau dort kommt der Oberkörper-Unterkörper-Split ins Spiel.
Ross verweist dazu auf das Fitness-Fatigue-Modell aus Teil 1: Der Zeitraum auf diesem Diagramm ist bei manchen kürzer, bei anderen länger. Das ist eine der Stellen, an denen dieser Gedanke angewendet wird.
Die Folie fasst zusammen: Das kann eine Gleichung mit vielen Variablen sein. Um sie zu lösen, braucht es oft Versuch und Irrtum, und deshalb ist es so wichtig, auf die Daten und die Reaktion des Athleten zu achten:
Darauf zu achten, ist der Schlüssel. Es liefert dir die Informationen, mit denen du den Input gestaltest, der wiederum den Output bringt, den du dir wünschst. Die Frage auf der Folie lautet deshalb: Wie erzeugen wir das Ergebnis, das wir wollen? Welche Input-Variablen kannst du verändern und ins Rezept bzw. in die Gleichung geben, damit am Ende das positive Ergebnis herauskommt: höhere e1RMs, höhere 1RMs, gute Leistungen auf der Wettkampfbühne, gültige Versuche und dergleichen?
“Solving it is often going to require trial and error, and that’s where it’s really important to pay attention to the data and the athlete response.” Um sie zu lösen, braucht es oft Versuch und Irrtum, und deshalb ist es so wichtig, auf die Daten und die Reaktion des Athleten zu achten. Ross Leppala
Zum Schluss fasst Ross alle Grundprinzipien aus Teil 1 und Teil 2 zusammen, die du kennen solltest:
Zum Fatigue Management wiederholt Ross den Gedanken aus Teil 1, mit dem er sich das Ganze selbst oft vor Augen führt: Du wirst nicht stärker, indem du Gewichte hebst, sondern indem du dich davon erholst. Du musst dich erholen können. Wer in der Erschöpfungsphase des Allgemeinen Anpassungssyndroms landet und dort bleibt, kann sich nicht erholen und keine Kraft und keinen Kraftzuwachs zeigen, sondern baut weiter ab. Fatigue Management ist also wichtig, wenn du Fortschritte machen willst.
“We don’t get stronger from lifting weights. We get stronger from recovering from lifting weights.” Wir werden nicht stärker, indem wir Gewichte heben. Wir werden stärker, indem wir uns davon erholen, Gewichte zu heben. Ross Leppala
Einen Gedanken will Ross dir zum Schluss mitgeben, und er hält ihn für sehr wichtig, wann immer du Training für jemanden schreibst: Wir sind zuerst Menschen und dann Athleten. Es ist wichtig zu berücksichtigen, wer der Mensch hinter dem Athleten ist.
Wenn du dich um den Menschen kümmerst, kümmert sich der Mensch um den Athleten. Das war für Ross sehr hilfreich, um wirksames Training zu schreiben, das zur jeweiligen Lebensphase passt, auf der Wettkampfbühne und außerhalb davon. Ob jemand gerade persönliche Schwierigkeiten durchmacht oder nicht: Solche Dinge können die Qualität des Trainings beeinflussen und damit auch das Ergebnis des Trainings.
Ross bedankt sich, sagt, dass ihm die Arbeit an diesen Lektionen viel Freude gemacht hat, und lädt dazu ein, sich bei Fragen zu melden.
“When we take care of the person, the person will take care of the athlete.” Wenn wir uns um den Menschen kümmern, kümmert sich der Mensch um den Athleten. Ross Leppala
Zitate aus der automatischen Abschrift des Videos; offensichtliche Transkriptionsfehler wurden behutsam bereinigt. Folienbilder aus dem Video, Zeitangaben gerundet.
In dieser Lektion geht es um die Grundbegriffe, die du brauchst, um die Kennzahlen des Trainings wirklich zu verstehen: was gemessen und was beurteilt wird, warum das wichtig ist und worauf es dabei ankommt. John geht nacheinander Volumen, Intensität, RPE, Frequenz, Pausen, Tempo und Time under Tension durch und zeigt, wie diese Größen zusammenhängen.
Zu Beginn stellt ein Sprecher die Lektion und den Referenten vor (sein eigener Name fällt in dieser Lektion nicht). Das Thema sind die Grundbegriffe, die man braucht, um die Kennzahlen des Trainings wirklich zu verstehen. Das Lernziel: herausfinden, was gemessen und was beurteilt wird, warum das relevant ist und was daran wichtig ist.
Referent ist Coach John Garafano. John ist RTS-Coach, außerdem Director of Operations bei RTS, und seit 2018 Vollzeit-Coach bei RTS. Der Sprecher beschreibt ihn als jemanden mit einem enormen Hunger nach Trainingswissen: Er liest unablässig, nimmt hochwertige Trainingsinformationen auf, hinterfragt ständig seine eigenen Ansichten und kann seine Denkmodelle sehr gut anpassen. Der Sprecher hat John auch persönlich als Ratgeber für sein eigenes Training vor Wettkämpfen genutzt.
Der Hauptgrund für die Wahl: John verbindet wissenschaftliches Wissen mit einem nüchternen Pragmatismus, der daher kommt, dass er selbst Athlet ist und mit echten Menschen arbeitet, die echte Herausforderungen, Konflikte und Einschränkungen haben. Er kann das Ganze auf das wirklich Wichtige herunterbrechen.
“He’s a blend of scientific knowledge, but that’s filtered through this no-nonsense pragmatism.” Er ist eine Mischung aus wissenschaftlichem Wissen, das aber durch einen nüchternen, unaufgeregten Pragmatismus gefiltert ist. Sprecher der Einleitung
John selbst stellt sich kurz vor: Er ist Coach bei Reactive Training Systems und coacht seit weit über zehn Jahren im Powerlifting und im Bodybuilding. Sein Thema sind die Grundbegriffe, die du verstehen musst, wenn du über die Grundlagen des Trainingschreibens bzw. der Programmierung nachdenkst.
Bevor es losgeht, klärt John, was das Ziel eines Programms ist. Er zitiert dazu den Gründer von Reactive Training Systems, Mike Tuchscherer: Das richtige Gewicht auf die Stange legen und es für die richtige Anzahl an Sätzen und Wiederholungen bewegen.
Was wir für unsere Athleten zu Papier bringen, ist also eine Liste von Anweisungen, mit der sie das richtige Gewicht auf die Stange legen und damit die richtige Menge an Arbeit erledigen können. In dieser Lektion geht es um die grundlegenden Begriffe, über die du nachdenken musst, um dieses Blatt Papier mit Anweisungen schreiben zu können.
“The goal of any training program is to put the right weight on the bar and move it for the right number of reps and sets.” Das Ziel jedes Trainingsprogramms ist, das richtige Gewicht auf die Stange zu legen und es für die richtige Anzahl an Wiederholungen und Sätzen zu bewegen. John Garafano, nach Mike Tuchscherer
Die Folie zeigt die Agenda. John spricht nacheinander über diese Begriffe:
John beginnt mit dem Thema, das wohl alle am meisten interessiert und im Internet ständig diskutiert wird: Was ist das optimale Trainingsvolumen? Vorher klärt er aber, was Volumen überhaupt ist.
Eine einfache Definition: Volumen ist die Gesamtmenge an Gewicht, die du in einer bestimmten Übung, einem Bewegungsmuster oder für eine Muskelgruppe bewegst. Das kann sich auf eine einzelne Einheit beziehen, auf eine Woche oder auch auf einen längeren Zeitraum. Meist wird es als Volume Load angegeben: Gewicht × Wiederholungen × Sätze. Die Folie zeigt dazu ein Balkendiagramm, in dem das Volumen von Woche 1 bis Woche 4 ansteigt.
Volumen als Kennzahl hat mehrere Probleme. Die erste Frage lautet: Welche Wiederholungen zählen?
Deshalb reicht Volumen als alleinige Kennzahl nicht aus, um das Erleben unter der Stange oder den angestrebten Trainingseffekt zu beschreiben. Es ist trotzdem ein wichtiger Baustein: Das Trainingsvolumen musst du im Blick haben, wenn es um Erholung geht und um die Menge an Arbeit, die ein Athlet leistet, um weiter Fortschritte zu machen.
“By itself alone, volume is not enough to describe the experience that the athlete is under or the adaptations that you’re looking for from training.” Für sich allein reicht Volumen nicht aus, um zu beschreiben, was der Athlet erlebt oder welche Anpassungen du mit dem Training erreichen willst. John Garafano
Intensität ist definiert als der Prozentsatz deines 1RM (One-Rep-Max, Maximalgewicht für eine Wiederholung), der auf der Stange liegt. Die Folie nennt als Beispiele 70 %, 80 %, 90 %.
Alle Intensitäten haben ihren Platz im Trainingsprogramm und können nützlich sein.
“All intensities have a place in the training program and they can all be useful.” Alle Intensitäten haben ihren Platz im Trainingsprogramm, und alle können nützlich sein. John Garafano
Schaust du nur auf diesen einen Hebel, ergeben sich ähnliche Fragen wie beim Volumen:
Hier ist es wichtig, beim Schreiben des Trainings zu fragen: Welchen Zweck hat dieser einzelne Block im Gesamtbild?
Welche Kombination sinnvoll ist, hängt wieder davon ab, welchen Zweck der aktuelle Block hat und wie er sich in die Abfolge des Trainings bis zum Wettkampf einfügt.
Es geht also um ein feines Gleichgewicht. Die Folie stellt die beiden Seiten gegenüber:
Zu viel Volumen führt zu dem, was das obere Foto zeigt. John erklärt es als Scherz: Es ist Mike Tuchscherer, der am Boden liegt, nachdem er einen Myo-Rep-Satz gemacht hat, nach Johns Erinnerung einbeinige bulgarische Split Squats mit offener Trap Bar. Das wirkt sich darauf aus, wie gut er danach etwas wie auf dem unteren Foto ziehen kann. Deshalb zeigt John die beiden Enden des Spektrums.
“We need to consider the influence that volume has on intensity and intensity has on volume.” Wir müssen berücksichtigen, welchen Einfluss das Volumen auf die Intensität hat und die Intensität auf das Volumen. John Garafano
Als Nächstes geht es um das Kraft-Geschwindigkeits-Kontinuum. Zwischen Kraft (Force, laut Folie Masse × Beschleunigung, also das Gewicht auf der Stange und wie schnell wir es bewegen) und Geschwindigkeit (Velocity) besteht eine umgekehrte Beziehung: Steigt die Kraft, sinkt die Geschwindigkeit.
Denk an ein schweres 1RM: Ist das schnell? Nein, es ist extrem zäh und langsam. Die höchsten Kräfte, die wir erzeugen können, entstehen oft bei den langsamsten Geschwindigkeiten und in der längsten Zeit. Das Beispiel auf der Folie: 1RM-Kniebeuge gegenüber 70 % × 5 Wiederholungen. Die Fünfer bei 70 % sind schnelle Wiederholungen, die 1RM-Kniebeuge ist unglaublich langsam, aber mit sehr hoher Kraftabgabe.
“The highest forces that we can produce often come at those slowest velocities.” Die höchsten Kräfte, die wir erzeugen können, entstehen oft bei den langsamsten Geschwindigkeiten. John Garafano
John zeigt eine Grafik von Science for Sport. Entlang der Kurve, von hoher Kraft und niedriger Geschwindigkeit hin zu niedriger Kraft und hoher Geschwindigkeit, stehen auf der Folie diese Bereiche:
An jedem Punkt dieser Kurve trainierst du andere Fähigkeiten. Johns Beispiele:
RPE steht für Ratings of Perceived Exertion, also Bewertungen der wahrgenommenen Anstrengung. Ursprünglich wurde eine RPE-Skala entwickelt, die bis 20 ging. Mike Tuchscherer hat sie im Powerlifting populär gemacht und die Skala auf 1 bis 10 begrenzt, wobei 10 ein maximaler Versuch ist.
Die Folie zeigt die Skala als Abfolge von Fragen. Du gehst sie von oben nach unten durch, und beim ersten „Ja“ hast du deine RPE:
In den letzten Jahren wurde RPE mit Repetitions in Reserve (Wiederholungen in Reserve) verknüpft. Jeder Punkt entspricht dann einer Wiederholung, die noch im Tank ist: RPE 9 bedeutet 1 Wiederholung, 8 bedeutet 2, 7 bedeutet 3, 6 bedeutet 4, 5 bedeutet 5 und so weiter. Die Folie zeigt aber die ursprüngliche RPE-Skala, die Mike Tuchscherer im Powerlifting bekannt gemacht hat.
Laut Folie ist RPE ein Werkzeug, mit dem du einschätzen kannst, wie nah du an einem Maximalversuch bist, und zwar an dem Maximum dieses Tages. Es ist die Wahrnehmung des Athleten, wie schwer es sich im Verhältnis zum Maximum anfühlt.
Wenn du nach Prozent vom 1RM programmierst, stammt dieses 1RM aus einem bestimmten Moment. Je weiter du davon entfernt bist, desto ungenauer ist die Zahl. Die Folie sagt es so: Das geschätzte 1RM (Estimated 1RM, e1RM) schwankt täglich, abhängig von Tagesform und Ermüdung.
Du machst am Samstag einen Probewettkampf und arbeitest dich in Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben bis zu Singles bei RPE 10 hoch. Einen Monat später sind diese Zahlen weniger relevant. Sie können durchaus noch stimmen, aber wie sicher du dir dabei sein kannst, ist viel geringer als direkt nach diesen Singles bei RPE 10.
“The further you are away from that moment in time, the less accurate that number is.” Je weiter du von diesem Zeitpunkt entfernt bist, desto ungenauer ist diese Zahl. John Garafano
Du musst dich aber nicht jeden Tag bis zu einem Maximum hocharbeiten, um zu wissen, wo du beim Anstrengungsgrad stehst. Lautet die Vorgabe zum Beispiel „arbeite dich bis zu 5 Wiederholungen bei RPE 8 hoch“, findest du ein Gewicht, das den gewünschten Anstrengungsgrad liefert und trotzdem zwei Wiederholungen in Reserve lässt, bei denen du sicher bist, dass du sie noch geschafft hättest. Du legst also ein Gewicht auf, das fordernd ist und zu deiner Tagesform passt. Und genau die ändert sich. Laut Folie hilft dir RPE, das Programm zu autoregulieren, also das richtige Gewicht für ein bestimmtes Protokoll auf die Stange zu legen.
Wie bei Intensität und Volumen haben hohe, mittlere und niedrige RPE jeweils ihren Nutzen:
“There is utility in all of the RPEs, all of the intensities, and looking at volume very strategically.” Alle RPE-Bereiche und alle Intensitäten haben ihren Nutzen, und das Volumen sollte man sehr strategisch betrachten. John Garafano
Frequenz ist, wie oft wir trainieren: wie oft wir eine bestimmte Bewegung oder Muskelgruppe innerhalb eines Mikrozyklus machen, typischerweise einer Woche.
Laut Folie bedeutet hohe Frequenz viel Technikübung bei insgesamt niedrigerem Belastungsniveau. Das kann gut sein für alle, die ihre technische Fertigkeit verbessern wollen. Wenn du zwei, drei oder vier Mal pro Woche beugst, hast du die Gelegenheit, oft unter die Stange zu kommen und neurologisch mit schwerer Last zu üben, oder mit etwas, das einer Wettkampfkniebeuge nahekommt.
Dafür wird das Ermüdungsmanagement zu einem großen Faktor. Gibt John dir einen Single bei RPE 8 oder einen Triple bei RPE 9 plus zwei Load Drops am Montag, Mittwoch, Freitag und Samstag, muss man sich große Sorgen um die Ermüdung machen. Es gibt vielleicht ein paar Übermenschen, die das ohne Probleme schaffen, aber für die meisten „Normalsterblichen“ bringt das Probleme bei der Erholung. Wer mit höherer Frequenz trainieren will, muss Volumen und Intensität deshalb sehr strategisch schreiben.
Laut Folie bedeutet niedrige Frequenz weniger Technikübung, dafür sind höhere Arbeitsmengen pro Einheit möglich. Mit niedrigerer Frequenz kannst du die RPE möglicherweise deutlich höher treiben. Willst du zum Beispiel eine Zeit lang die Hypertrophie maximieren, sind höhere RPE sinnvoll, denn es scheint, dass Wiederholungen umso wirksamer für Hypertrophie sein können, je näher du an einer echten Maximalanstrengung bist. John verweist dazu auf die Forschung zum Geschwindigkeitsverlust (Velocity Loss): Auch dort zeigen sich höhere Geschwindigkeitsverluste als recht nützlich für Hypertrophie.
Es gibt einen Schnittpunkt, an dem du aus deiner Arbeit sowohl Kraft als auch Hypertrophie ziehst. Aber wie bei der hohen Frequenz musst du aufpassen, wie hoch die RPE ist, wie viel Ermüdung der Athlet ansammelt und wie nah er ans Versagen geht. Niedrigere Frequenz verringert die Gelegenheit zur Technikübung. Laut Folie kann sie besser für Athleten mit Erholungsproblemen sein: Hat ein Athlet Schwierigkeiten mit der Erholung, musst du vielleicht die Frequenz senken. Dann musst du aber sehr vorsichtig sein, wie du Volumen und Intensität verteilst, damit das Ganze funktioniert.
Betrachte Volumen, Intensität und Frequenz als Hebel, an denen du ziehst, um das Training für einen Athleten zu schreiben. Und die Folie betont: Ob hoch oder niedrig, ist RELATIV zum Lifter! Vor etwa zehn Jahren dachte man, jeder solle dreimal pro Woche beugen. Tatsächlich hat John Athleten, die einmal pro Woche beugen, und andere, die viermal pro Woche beugen.
“It really comes down to what does the lifter need for skill development, as well as the morphological changes that we need for that lifter to continue getting better.” Es kommt wirklich darauf an, was der Lifter für seine Technikentwicklung braucht und welche morphologischen Veränderungen nötig sind, damit er weiter besser wird. John Garafano
Und um es noch etwas verwirrender zu machen, kommen die Pausen (Rest Intervals) dazu.
Der größte Teil unseres Trainings braucht wahrscheinlich lange, vollständige Pausen, nach denen du jeden Satz bereit angehst. Laut Folie geben vollständige Pausen Gelegenheit, Ermüdung abzubauen und die Bereitschaft für den nächsten Satz zu verbessern. Das senkt die RPE der Arbeit, die du machst. Der Athlet ist bereit, die Fertigkeit erneut zu üben.
Auch hier gibt es ein Gleichgewicht: Du willst nicht 15 oder 20 Minuten zwischen den Sätzen pausieren, weil das dein Volumen beeinträchtigt. Du kannst dann nicht so viel Arbeit unterbringen, wie in deinem zeitlichen Rahmen möglich wäre. Die meisten können nicht vier, fünf oder sechs Stunden am Tag trainieren. John hat eine feste Zeit für sein Training eingeplant, eine Leitplanke, und kann nicht mehr machen, als diese Zeit hergibt. Die Zeit muss also klug genutzt werden. Deshalb ist es wichtig, die Pausen irgendwie zu erfassen oder sie deinen Athleten beim Schreiben des Trainings konkret vorzugeben. Die Folie zeigt dazu eine Intervall-Timer-App auf einem Handy.
Kurze Pausen sind nicht unbedingt schlecht. Laut Folie erhöhen sie die metabolischen Anforderungen des Trainings und fordern die Energiesysteme. Sie können helfen, die Energiesysteme zu verbessern, damit du für deine Arbeit vorbereitet bist. Behalte aber im Kopf: Kürzere Pausen erhöhen die RPE, also die Anstrengung, die du in den Satz steckst.
“Short rest isn’t necessarily bad.” Kurze Pausen sind nicht unbedingt schlecht. John Garafano
Gibt John dir 60 % für acht Wiederholungen mit 60 Sekunden Pause und lässt dich vier oder fünf solcher Sätze machen, steigt die RPE bis zum Ende ziemlich hoch. Es gibt sehr gut konditionierte Leute, aber die meisten von uns, die meisten klassischen Powerlifter, hätten damit ihre Probleme.
Trotzdem kann das nützlich sein:
Die Tabelle links stammt laut John aus einer Diskussion, die Mike Tuchscherer im RTS Training Lab geführt hat. Darin geht es darum, wie man Pausen für bestimmte Gründe und Zwecke im Training vorgibt. Die Pause wird als „RPE minus x“ angegeben: Von der RPE des letzten Satzes ziehst du den Wert ab und erhältst die Pause in Minuten (so rechnet John es im ersten Beispiel unten vor). Die Zeilenbeschriftungen sind auf der Folie abgeschnitten; lesbar ist:
Laut Folie: Ein Lifter, der außer Gewichtheben kein Ausdauertraining macht und zwischen den Sätzen reichlich Pause nimmt, manchmal so viel, dass er für den nächsten Satz kalt wird. Bei John sind das 15, 20 Minuten.
Hier willst du vielleicht trotzdem, dass der Athlet vollständig pausiert, musst die Pause aber deckeln. Du könntest sagen: Arbeite dich bis zu einem Fünfer hoch (die RPE-Vorgabe dafür ist in der Abschrift nicht eindeutig), dann folgen drei Load Drops, und die Pause dafür ist RPE minus 4. Hat der erste Load Drop RPE 7, ergibt das 7 minus 4 = 3 Minuten: Timer starten, dann der nächste Satz.
So gibst du beim Schreiben des Trainings eine Art Leitplanke vor, die dem Athleten hilft, sich besser von seiner Arbeit zu erholen, und dafür sorgt, dass er nicht zu kalt wird.
Laut Folie: Ein Lifter, dessen RPE zwischen den Sätzen drastisch steigt (manchmal um mehr als 1–2 Punkte) und der Schwierigkeiten mit wiederholter Anstrengung hat, also mit Wiederholungssätzen oder Load Drops.
Hier kannst du gezielt eine Reaktion auslösen. John beschreibt es als Problem der Versorgung („Delivery“): Es kommt nicht genug Sauerstoff in die Muskeln. Ziel ist, die Versorgung der Muskeln mit sauerstoffreichem Blut zu verbessern, damit der Athlet sich von seiner Arbeit erholen kann. Dazu begrenzt du die Pause auf RPE minus 6, was laut John wirklich hart ist.
Konkret: Der Athlet arbeitet sich bis zu einem Fünfer bei RPE 8 hoch und macht dann Doubles mit demselben Gewicht (wie viele, ist in der Abschrift nicht eindeutig). Die liegen voraussichtlich etwa bei RPE 7, und mit einer Pause von RPE minus 6 wird das ziemlich hart.
Ein weiteres Beispiel: 60 % für acht Wiederholungen mit 60 Sekunden Pause. Das bietet reichlich Gelegenheit, die Energiesysteme zu trainieren.
Tempo ist die Dauer der Bewegung in ihren einzelnen Phasen:
Ein gezielt verändertes Tempo kann der Bewegung einen Fokus geben oder an einer bestimmten Stelle einen schwachen Bewegungsabschnitt trainieren. Es ist auch eine Gelegenheit, den Weg der Stange (Bar Path) zu trainieren. Eine Tempo-Kniebeuge kann einem Athleten zum Beispiel helfen, darauf zu achten, den Körperschwerpunkt über dem Mittelfuß zu halten. (Die genaue Tempo-Angabe gibt die Abschrift als „60.0“ wieder; sie ist nicht eindeutig.)
Johns Beispiele, wie du das Programm über das Tempo veränderst:
Aber denk daran: Ein langsameres Tempo erhöht die Zeit unter Spannung bei jeder Wiederholung, und mehr Zeit unter Spannung kann zu mehr Muskelkater führen.
Die Folie definiert Time under Tension (TUT) als die Zeit, in der ein Muskel während eines Satzes aktiviert ist.
“So you’ve got to be very strategic about how you put this into training as you organize training.” Du musst also sehr strategisch vorgehen, wie du das ins Training einbaust, wenn du das Training organisierst. John Garafano
Zum Schluss tritt John einen Schritt zurück und fasst zusammen:
All das sind Hebel, an denen du ziehen kannst, wenn du Training für einen Athleten schreibst. Beim nächsten Mal will John Beispiele für Protokolle zeigen, die dir helfen, über all diese Begriffe nachzudenken und darüber, was ein Athlet braucht, um sich in seiner Laufbahn weiterzuentwickeln.
“All of these are levers that we can pull as we’re writing training for the athlete.” All das sind Hebel, an denen wir ziehen können, wenn wir Training für den Athleten schreiben. John Garafano
Zitate aus der automatischen Abschrift des Videos; offensichtliche Transkriptionsfehler wurden behutsam bereinigt. Folienbilder aus dem Video, Zeitangaben gerundet.
In dieser Lektion wird es praktisch: John zeigt, wie man die Protokolle schreibt, die ein Athlet im Training umsetzt. Nach einem kurzen Rückblick auf Autoregulation und RPE geht es um die Absicht hinter jedem Protokoll und dann um konkrete Bauformen: Top-Set- und Back-Down-Protokolle, Repeated-Effort-Protokolle, Ramping-Protokolle und Rep Drops, jeweils prozentbasiert, RPE-basiert oder als Kombination.
John Garafano ist Coach bei Reactive Training Systems, und dies ist seine zweite Lektion in diesem Kurs. In seiner ersten Lektion ging es um die Grundkonzepte, die man verstehen muss, wenn man Training schreibt. Diese Lektion macht das Ganze praktischer: Es geht darum, wie du die Protokolle schreibst, die du Athleten im Training gibst, also die konkrete Vorgabe, mit welchem Gewicht wie viele Sätze und Wiederholungen gemacht werden.
John erinnert an das Zitat, das er schon in seiner ersten Lektion verwendet hat. Es stammt von Mike Tuchscherer, dem Gründer von Reactive Training Systems, der laut John RPE im Powerlifting bekannt gemacht hat: Das Ziel des Programms ist, das richtige Gewicht auf die Stange zu legen und es für die richtige Anzahl an Sätzen und Wiederholungen zu bewegen.
Genau das ist die Aufgabe, ob als Coach oder wenn du dein eigenes Training schreibst: Du musst auf dem Papier ein Training entwerfen, das zu den Bedürfnissen des Athleten passt, damit er stärker wird, und du musst ihm zeigen bzw. anleiten, was er in der Trainingseinheit tun soll, damit das passiert.
“We have to design training on a piece of paper that meets the needs of the athlete to get stronger.” Wir müssen auf einem Blatt Papier ein Training entwerfen, das den Bedürfnissen des Athleten entspricht, damit er stärker wird. John Garafano
Der Ablauf laut Folie: Hintergrund zur Autoregulation, Absicht des Protokolls (Protocol Intent), Top-Set- und Back-Down-Protokolle, Repeated-Effort-Protokolle, Ramping-Protokolle und Rep Drops.
Zuerst wiederholt John kurz die Konzepte zur Autoregulation aus der letzten Lektion. Dann spricht er darüber, welche Absicht hinter allen Protokollen steht und wie man diese Bestandteile bewusst einsetzt. Danach folgen Beispiele, nach seinen Worten „der spaßige Teil“, den du mitnimmst und mit dem du Training schreibst. Die genannten Protokolle gehören zu den häufigsten im Powerlifting-Training. Es gibt noch mehr zu lernen, aber John ist überzeugt, dass du nach dieser Lektion anfangen kannst, Training für dich oder deine Athleten zu schreiben, und damit einen konkreten Ausgangspunkt hast.
RPE steht für Ratings of Perceived Exertion, also die Einstufung der empfundenen Anstrengung. Es ist eine Skala von 1 bis 10, wobei 10 ein maximaler Versuch ist. Laut Folie ist RPE ein Werkzeug, mit dem du einschätzt, wie nah du an einem Maximalversuch bist: die Wahrnehmung des Athleten, wie schwer ein Satz im Verhältnis zum Maximum war.
Diese Skala ist mit der Skala der Repetitions in Reserve (RIR) verknüpft, also der Wiederholungen, die noch „im Tank“ gewesen wären. RIR ist im Grunde die Umkehrung: 1 RIR entspricht RPE 9, 2 RIR entsprechen RPE 8 und so weiter. Das gilt zumindest bis RPE 7; alles darunter sind Aufwärmgewichte.
RPE soll dem Athleten helfen, das Gewicht, das er an diesem Tag auf die Stange legt, zu autoregulieren, also an seine Tagesform anzupassen. John betont das ausdrücklich, weil sich die tägliche Leistungsbereitschaft (Readiness) ändert. Laut Folie schwankt das geschätzte 1RM (e1RM), also das aus einem Satz hochgerechnete Maximalgewicht für eine Wiederholung, von Tag zu Tag je nach Readiness und Ermüdung.
Wenn du dich auf eine bestimmte Zahl versteifst, kann diese Zahl zu leicht sein, etwa wenn du dich sehr gut erholt hast oder das Training richtig gut läuft. Sie kann aber auch zu schwer sein, wenn du dich nicht so gut erholst wie erwartet oder wenn das Protokoll aus irgendeinem Grund nicht so wirksam war wie anfangs gedacht. Deshalb ist Autoregulation wichtig: Sie hilft dir, an diesem Tag das richtige Gewicht für die richtige Anzahl an Sätzen und Wiederholungen auf die Stange zu legen.
Unter „Application“ hält die Folie fest, dass moderate, hohe und niedrige RPEs jeweils ihren Nutzen haben: für die neurologische Fähigkeit, eine Last durchzukämpfen (späte Kraftentwicklung, late rate force development), für die Entwicklung von Geschwindigkeit und Kraftleistung (Power) und für den Aufbau von Arbeitskapazität.
John sagt offen, dass er eine natürliche Vorliebe für RPE-basierte Protokolle hat. Das heißt aber nicht, dass du keine anderen Protokolle verwenden kannst, und er zeigt in dieser Lektion auch solche.
“Autoregulation helps you to put the right weight on the bar for the right number of sets and reps for the day.” Autoregulation hilft dir, an diesem Tag das richtige Gewicht für die richtige Anzahl an Sätzen und Wiederholungen auf die Stange zu legen. John Garafano
Bevor es an konkrete Protokolle geht, fragt John: Was ist unsere Absicht, wenn wir in eine Trainingseinheit gehen? Die Antwort auf der Folie: dem Lifter eine Herausforderung zu geben, die er überwinden muss und die die Qualitäten entwickelt, die wir uns von seinem Training erhoffen.
Du musst dir also überlegen, was du mit dem Athleten erreichen willst. Geht es um Fertigkeitsübung mit hohem neurologischem Anspruch? Um einen Wiederholungssatz, der den Athleten und seine Kondition fordert? Um Repeated-Effort-Arbeit, bei der der Athlet sich auf eine bestimmte Intensität einschießt und sich darauf konzentriert, um eine Kraftanpassung zu erzeugen? Drei Dinge gehören zusammen: Du musst eine Herausforderung stellen, der Athlet muss sie überwinden, und du musst die Qualitäten im Blick haben, die du entwickeln willst.
Ein Athlet ist in der Kniebeuge sehr schnell. Er kommt superschnell aus dem tiefsten Punkt, und dann scheitert er plötzlich aus dem Nichts. Vielleicht hat dieser Athlet schon viel Übung in der frühen Kraftentwicklung (early rate force development), müsste aber die späte Kraftentwicklung (late rate force development) üben.
Wenn du ihm immer wieder 70 % für 5 Wiederholungen gibst, trainierst du dann wirklich die Qualität, in der er schwach ist? Wahrscheinlich nicht. Dann solltest du eher an Sätze mit höherer Intensität oder mit moderater Intensität und höherem RPE denken, damit der Athlet Zeit mit der Entwicklung der späten Kraftentwicklung verbringt.
Deshalb musst du immer die Absicht hinter der Strategie im Blick haben, die du schreibst, und was der Athlet in diesem Moment braucht. Ist der Wettkampf noch weit weg, geht es vielleicht um den Aufbau von Volumen, und du konzentrierst dich auf Repeated-Effort-Arbeit. Ist der Wettkampf näher und willst du den Athleten daran gewöhnen, wie sich der dritte Versuch anfühlen wird, musst du vielleicht die Intensität und unter Umständen das RPE des Protokolls erhöhen. Ob als Coach oder als dein eigener Coach: Mach dir bewusst, was du aus diesem Trainingsblock und diesem Protokoll herausholen willst, und schreib von dort aus.
“We need to provide a challenge. The athlete has to overcome that challenge. And we have to be thinking about the qualities that we’re trying to develop.” Wir müssen eine Herausforderung stellen. Der Athlet muss diese Herausforderung überwinden. Und wir müssen an die Qualitäten denken, die wir entwickeln wollen. John Garafano
Die Folie nennt die Qualitäten, an die du beim Schreiben von Training zumindest denken solltest:
John nennt Top-Set-Protokolle „everybody’s favorite“: Sie sind sehr beliebt und im Powerlifting weit verbreitet. Man arbeitet sich bis zu einem Top Set hoch, dem schwersten Satz der Einheit, und danach folgen leichtere Sätze, die Down Sets oder Back-off-Sätze. Es gibt viele Wege, das umzusetzen. John bleibt bei seiner Vorliebe für RPE, zeigt aber auch prozentbasierte Varianten.
Du arbeitest dich zu einem Top Set mit einer bestimmten Intensität hoch und gehst danach mit dem Gewicht auf eine niedrigere Intensität für die Back-off-Sätze herunter.
Beispiel laut Folie: x1 @92%, 75% x5r x5s, also eine Einzelwiederholung mit 92 %, danach 75 % für 5 Wiederholungen in 5 Sätzen. Die Prozente beziehen sich bei prozentbasierter Programmierung auf ein trainingsangepasstes Maximum (Training Max) oder auf ein früheres Maximum von irgendeinem Zeitpunkt.
Warum so? Vielleicht willst du dich bis zu einer wirklich schweren Einzelwiederholung hocharbeiten, um an der späten Kraftentwicklung zu arbeiten. Gleichzeitig soll der Athlet in den Down Sets an seiner Technik arbeiten, und du willst die Ermüdung in Grenzen halten. Laut Folie liefert das Top Set eine Last, die die Wettkampfübung mit hoher Spezifität trainiert, und die Down Sets bieten Gelegenheit für Volumenarbeit. Das kann wichtig sein für eher biologische Veränderungen wie Hypertrophie, aber auch für Technikübung und um die Ermüdung zu steuern.
Dasselbe geht auch mit RPE für das Top Set. Der einzige Unterschied: Du arbeitest dich zu einer Einzelwiederholung @8 statt zu 92 % hoch. Auf einer standardisierten RPE-Tabelle entspricht das übrigens in der Regel demselben. Der Athlet arbeitet sich also bis zu einem Gewicht hoch, bei dem er noch zwei Wiederholungen in Reserve hat.
Danach aktualisiert er sein geschätztes 1RM für den Tag und nimmt davon 75 % für die Down Sets. Das ist recht genau, jedenfalls genauer als ein trainingsangepasstes Maximum oder ein Maximum von vor längerer Zeit. Es geht darum, in der Trainingseinheit genauere Informationen zu bekommen. Die Down-Set-Prozente beziehen sich hier also auf das geschätzte 1RM. Du kannst die Down Sets auch als Prozent des Top Sets angeben; achte dann nur darauf, welches RPE das Protokoll dadurch hätte.
“We’re looking for more accurate information in the training session and this is a way that you could do that.” Wir wollen in der Trainingseinheit genauere Informationen, und das ist ein Weg dahin. John Garafano
Laut Folie arbeitest du dich zu einem Top Set mit einem bestimmten RPE hoch und gehst dann mit dem Gewicht auf ein niedrigeres RPE für die Back-off-Sätze herunter. Beispiel: x1 @8, x5 @6-8 for 5 sets, also eine Einzelwiederholung @8 als Top Set und danach 5 Wiederholungen zwischen RPE 6 und 8 in 5 Sätzen.
Der Vorteil: Der Athlet kann Gewicht auflegen oder abnehmen, um in den gewünschten RPE-Bereich von 6 bis 8 zu kommen, also zwischen 2 und 4 Wiederholungen in Reserve. So bekommt er ausreichend Volumen, ohne dass die Ermüdung zu hoch steigt.
Zum Vergleich mit dem vorigen Protokoll: 75 % für 5 Wiederholungen liegen für die meisten Leute wahrscheinlich irgendwo zwischen RPE 6 und 8. Es gibt aber Ausreißer, für die 75 % für 5 ein RPE 9 sind. Das kann viel Ermüdung erzeugen und den Rest des Trainings beeinträchtigen. Dieses Protokoll kann deshalb sehr nützlich sein für einen Athleten, der nach seinem Top Set mehr Ermüdung erlebt als die meisten. Das Top Set liefert wieder die Technikübung, die Down Sets das Volumen, aber jetzt mit einem RPE-Bereich: Ist 75 % für 5 zu leicht, legt der Athlet Gewicht auf, ist es zu schwer, nimmt er Gewicht ab. Du gibst ihm damit eine RPE-Obergrenze und eine feste Satzzahl vor.
“So you’re giving them an RPE cap and a set cap.” Du gibst ihnen also eine RPE-Obergrenze und eine Satzobergrenze. John Garafano
Ein weiteres verbreitetes Protokoll im modernen Powerlifting-Training sind Load Drops (Lastabzüge): Du arbeitest dich zu einem Top Set hoch und nimmst danach einen von dir festgelegten Prozentsatz an Gewicht von der Stange.
Arbeite dich hoch zu 5 Wiederholungen @9, also mit einer Wiederholung in Reserve. Das ist ein sehr harter Satz, aber keine extrem hohe Intensität. Danach folgen 2 Down Sets mit Load Drop.
Konkret: 100 kg für 5 Wiederholungen @9 als Top Set, danach 2 Sätze à 5 Wiederholungen mit 95 kg. John hat hier minus 5 % als Load Drop verwendet.
Du kannst aber jeden Abzug wählen. Willst du etwas Polarisierteres, also ein hartes Top Set und deutlich leichtere Back-off-Arbeit, nimm minus 10 %, minus 15 % oder sogar minus 20 %, wenn das für deinen Athleten Sinn ergibt. Es kommt darauf an, welche Erfahrung der Athlet machen soll.
Als Richtwert gilt: Ein Load Drop von 5 % sollte etwa einen RPE-Punkt Abfall bewirken. Die Down Sets sollten also ungefähr bei RPE 8 enden. Ist das bei einem Athleten nicht so, steigt sein RPE nach dem Top Set also an und er hat Mühe, sich davon zu erholen, dann brauchst du vielleicht einen größeren Load Drop, etwa 10 oder 15 %. Hier kannst du individuell festlegen, wie groß der Abzug sein soll.
Auch das Top Set muss nicht @9 sein. Es kann @8 oder @7 sein. Die Frage ist immer, was der Athlet erleben soll. Im Beispiel ist der Anstrengungsgrad bewusst recht hoch. Vielleicht willst du aber, dass der Athlet sich zu etwas mäßig Forderndem hocharbeitet und danach viel leichte Arbeit macht, bei der er sich auf maximale konzentrische Geschwindigkeit konzentriert, also das Gewicht so schnell wie möglich bewegt. Wie das Training aussieht und welche Erfahrung der Athlet macht, legst du über das Top Set und die Down Sets fest.
Repeated Effort (wiederholte Anstrengung) sieht John in heutigen Powerlifting-Programmen nicht mehr so oft, in älteren Programmen war es aber sehr verbreitet. Du arbeitest dich zu einer gewünschten Trainingslast hoch, die als Prozent des 1RM oder als RPE angegeben sein kann, und lässt den Athleten dort eine bestimmte Anzahl an Sätzen und Wiederholungen machen. Das nennt man die Repeat-Methode.
Die RPE-Version: 5 Wiederholungen @8, plus 2 Down Sets als Repeat. Das Top Set ist die fordernde Aufgabe für den Athleten, und durch das Wiederholen lernt er, mit einer schweren Last besser umzugehen. Das ist ein sehr guter Weg, die Arbeitskapazität zu verbessern und dem Athleten zu helfen, sich auf technische Fertigkeiten einzuschießen.
Manche Athleten erleben aber, dass das RPE ziemlich stark ansteigt. Normal ist laut John meist etwa ein halber RPE-Punkt pro Satz: Der erste Repeat geht vielleicht auf 8,5, der zweite auf 5 Wiederholungen @9. Geht ein Athlet dagegen von 5 @8 auf 5 @10, solltest du über ein anderes Protokoll nachdenken, denn dieser Athlet erlebt mehr Ermüdung als, nach Johns Einschätzung, der Durchschnitt. Das ist in Ordnung. Du musst nur wissen, was der Athlet erlebt, und das Protokoll auf die Erfahrung zuschneiden, die er machen soll.
“You just got to know what the athlete experiences and tailor the protocol to the experience you want them to have.” Du musst nur wissen, was der Athlet erlebt, und das Protokoll auf die Erfahrung zuschneiden, die er machen soll. John Garafano
Mit prozentbasiertem Training sieht das zum Beispiel so aus: 80 % des 1RM für 5 Wiederholungen in 5 Sätzen oder 70 % für 8 Wiederholungen in 4 Sätzen. Beachte: Hier gibt es kein Top Set. Gearbeitet wird mit einem früheren 1RM oder einem Training Max.
Die Grenzen hat John schon angesprochen: Wenn du dein 1RM vor zwei Monaten gemacht hast, ist es dann für dein heutiges Kraftniveau und deine heutige Readiness noch relevant? Wahrscheinlich nicht. Das ist der Nachteil eines rein prozentbasierten Repeated-Effort-Protokolls: Es berücksichtigt die täglichen Schwankungen der Readiness nicht.
Vielleicht spielt das aber keine Rolle. Vielleicht soll der Athlet einfach Arbeit und Volumen sammeln, und du wählst etwas ziemlich Submaximales. John macht das tatsächlich oft mit Athleten: Er wählt zum Beispiel 70 % oder 75 % und lässt eine bestimmte Anzahl Sätze damit machen, in der Annahme, dass das RPE submaximal bleibt, etwa irgendwo zwischen 5 und 7. Das kann sehr gut die Arbeitskapazität verbessern.
Man könnte auch ein Protokoll mit zeitlich begrenzten Pausen einbauen. Johns Beispiel: 70 % für 5 Wiederholungen in 6 Sätzen, Pause = RPE minus 4. Die genaue Einheit der Pause nennt er dabei nicht (in der Abschrift nicht eindeutig). Der Athlet arbeitet dann submaximal, das Volumen steigt, er bekommt Technikübung und Übung in der frühen Kraftentwicklung, und zusätzlich etwas metabolisches Training, das zu besserer Kondition führen kann.
Prozentbasierte Protokolle allein sind also nicht schlecht. Ohne Top Set arbeitest du nur mit einer Annahme, die für diesen Athleten und seine Tagesform nicht unbedingt stimmt. Behalte das im Hinterkopf. Wirklich passend findet John dieses Vorgehen bei submaximaler Arbeit weit weg vom Muskelversagen, die einfach „die Stempeluhr drückt“ und Volumen sammelt.
“Without a top set you’re operating off of an assumption that may not necessarily be accurate for that athlete and their daily readiness.” Ohne Top Set arbeitest du mit einer Annahme, die für diesen Athleten und seine tägliche Readiness nicht unbedingt zutrifft. John Garafano
Die Folie beschreibt das Prinzip so: sich zu einer gewünschten Trainingslast hocharbeiten und dort eine Anzahl an Sätzen und Wiederholungen machen. Beispiel: x1 @8, 80% for 4 sets RPE stop @7.
John kombiniert hier ein Top Set mit der Repeat-Arbeit. Mit der Einzelwiederholung @8 bestimmt der Athlet sein geschätztes 1RM für den Tag. Dann legt er 80 % dieses geschätzten 1RM auf und macht 4 Sätze, beendet aber jeden Satz bei RPE 7. Er bricht den Satz also mit drei Wiederholungen in Reserve ab, bei einem Gefühl, das eher an leichtes Aufwärmen erinnert.
Laut Folie helfen RPE Stops, das RPE bei der Volumenarbeit zu begrenzen, um den gewünschten Trainingseffekt zu erzielen. Der Athlet bekommt einen guten Trainingseffekt: die Einzelwiederholung und gute Volumenarbeit, ohne zu viel Ermüdung zu erzeugen. Das kann bei Programmen mit höherer Frequenz hilfreich sein.
Ein Athlet soll zweimal pro Woche die Wettkampfkniebeuge machen, etwa montags und donnerstags.
Montag: Einzelwiederholung @8, danach 80 % für 4 Sätze mit RPE-Stopp bei 7.
Donnerstag: Einzelwiederholung @8, danach 70 % für 4 Sätze mit RPE-Stopp bei 6.
So hat der Athlet zwei Gelegenheiten, mit unterschiedlichen Intensitäten zu trainieren. Die 80 % trainieren viel späte Kraftentwicklung, die 70 % viel frühe Kraftentwicklung, und in beiden Fällen beendet der Athlet den Satz, wenn er den RPE-Stopp erreicht. Der Vorteil: Du kannst die Ermüdung so steuern, dass die Frequenz hoch bleiben kann. Das kann in einem Block mit Schwerpunkt auf Fertigkeitsentwicklung sehr nützlich sein.
Ramping heißt, sich in Stufen zu einem Top Set hochzuarbeiten. Laut John werden diese Protokolle im Powerlifting gerade immer beliebter.
Hier gehst du wieder von einem früheren Maximum aus und arbeitest dich mit Prozentangaben zum Top Set hoch, zum Beispiel 5 @70 %, 5 @75 %, 5 @80 % oder Einzelwiederholung @85 %, @88 %, @92 %.
Der Vorteil: Der Athlet arbeitet sich schrittweise in der Schwierigkeit hoch, was ihm bei der Gewichtswahl in der jeweiligen Einheit helfen kann. Wie schwer das Protokoll tatsächlich wird, hängt aber von der Readiness des Athleten an diesem Tag ab. Bei den oberen Stufen mit 85, 88 und 92 % kann es sein, dass das in Wahrheit 95 oder 97 % seines Tages-1RM sind, weil du von einem vorab angenommenen Arbeitsmaximum ausgehst. Genauso kann die Arbeit aber auch richtig leicht sein. Es hängt wieder an der Tagesform.
Laut Folie arbeitest du dich mit RPE zu einem Top Set hoch. Beispiele: x5 @6, x5 @7, x5 @8 sowie x1 @6, x1 @7, x1 @8. Die Ramping-Sätze dienen als Gelegenheit, das Top Set einzuschätzen.
Du kannst Ramping auch mit anderen Protokollen kombinieren, zum Beispiel:
Wozu? Vielleicht hast du einen Athleten, der sich seiner Leistungsspitze nicht sicher ist und nicht genau weiß, wo sein oberes Ende liegt. Dann hilft ihm das Ramping, sich daran heranzutasten. Oder ein Athlet kommt aus einer Verletzung zurück, und du willst, dass er sich schrittweise in der Schwierigkeit hocharbeitet. Dann dient das Ramping dazu, sich an diesem Tag allmählich hochzuarbeiten, und danach geht er deutlich mit dem Gewicht herunter, um noch mehr Volumen zu sammeln.
Diese Protokolle schließen sich also nicht gegenseitig aus, man kann sie kombinieren. Johns Vorliebe bleibt aber RPE.
“Again, these protocols are not mutually exclusive. There’s ways to combine them.” Noch einmal: Diese Protokolle schließen sich nicht gegenseitig aus. Es gibt Wege, sie zu kombinieren. John Garafano
Rep Drops (Wiederholungsabzüge) ähneln der RPE-Stop-Methode, sind aber etwas anders. Laut Folie arbeitest du dich mit RPE zu einem Top Set hoch und nimmst dann bei gleichem Gewicht auf der Stange Wiederholungen weg, sobald das RPE steigt. Beispiel: x5 @8, Rep Drop @7 for 3 sets, also 5 Wiederholungen @8 (zwei Wiederholungen in Reserve) und danach 3 Sätze mit Rep Drop bei RPE 7.
Top Set: 200 kg für 5 Wiederholungen @8.
Erster Down Set: 200 kg für 4 Wiederholungen, das ist aber schon RPE 7,5. Du siehst, die Schwierigkeit steigt.
Zweiter Down Set: Also gehst du auf 3 Wiederholungen herunter, und die sind RPE 7. Das passt.
Dritter und letzter Down Set: Wieder 3 Wiederholungen angepeilt, diesmal ist es ein Triple @7,5. Das ist in Ordnung, denn worum geht es? Das Gewicht auf der Stange bleibt konstant, und die Ermüdung wird gesteuert, indem Wiederholungen weggelassen werden.
Laut Folie dient dieses Protokoll dazu, das Gewicht auf der Stange zu priorisieren und dem Lifter zu helfen, die Arbeit zu beenden, wenn er in jedem Satz ein gewünschtes Ermüdungsniveau erreicht.
Außerdem spart es viel Zeit für Athleten mit wenig Zeit: Sie müssen nicht ständig Gewicht von der Stange nehmen, sondern machen einfach ihre Pause und kommen zurück. John hält das für eine sehr gute Strategie, die seiner Meinung nach nicht besonders oft eingesetzt wird.
Der Unterschied zur RPE-Stop-Methode: Du arbeitest dich per RPE zu einem Top Set hoch und lässt das Gewicht auf der Stange gleich. Du stoppst die Back-off-Sätze nur bei einem niedrigeren RPE mit demselben Gewicht.
“We’re looking for keeping the load on the bar constant, managing fatigue by stopping the reps.” Wir wollen das Gewicht auf der Stange konstant halten und die Ermüdung steuern, indem wir die Wiederholungen beenden. John Garafano
John fasst zusammen, was er behandelt hat:
Zum Schluss nennt John einige Situationen, in denen die einzelnen Protokolle besonders nützlich sein können.
Braucht ein Athlet einen hohen Grad an Spezifität, muss er also nah an einen Maximalversuch herankommen, um in seiner Technik richtig gut zu werden, dann brauchst du vielleicht ein Top Set mit Back Downs. Das Top Set muss übrigens nicht immer eine Einzelwiederholung sein. Es kann ein Fünfer, Vierer, Triple oder Double sein. Im Powerlifting sieht man ständig „Single @8“, aber das muss nicht sein. Und eine Einzelwiederholung muss auch nicht @8 sein, sie kann @9 oder @7 sein.
Mit Repeated-Effort-Arbeit kannst du die Kondition eines Athleten verbessern. Nimm einen Athleten, der sich zu einem Top Set hocharbeitet und danach völlig erledigt ist. Genau das kannst du gezielt herausfordern, damit er besser konditioniert wird.
Ramping-Sätze mit 6 Wiederholungen bis RPE 8: 6 @6, 6 @7, 6 @8, danach 2 Repeats.
Früher hat sich dieser Athlet vielleicht zu 6 @8 hochgearbeitet und war danach psychisch am Ende, weil er Koffein, Musik und alles andere aufgebraucht hat, um sich hochzupushen. Jetzt muss er den Satz wiederholen. Das ist eine Gelegenheit, die psychische Erregung etwas zurückzufahren. Es ist auch eine Gelegenheit, ihn aus Sicht der Energiesysteme besser zu trainieren, und eine Gelegenheit, ein wenig an der Technik zu arbeiten. Denn wenn du in einer Einheit nur einen harten Satz hast, bekommst du dann genug Technikübung? Vielleicht, vielleicht nicht. Das hängt vom Athleten ab.
Die Rep-Drop-Methode hat John schon als gutes Mittel für Athleten mit wenig Zeit genannt. Sie passt auch, wenn die mechanische Spannung so hoch wie möglich sein soll. Angenommen, du bist in einem Strukturblock, in dem du die Hypertrophie steigern willst. Dann hältst du das absolute Gewicht auf der Stange gleich und lässt den Athleten den Satz bei einer bestimmten Nähe zum Muskelversagen beenden, zum Beispiel bei RPE 7. Vielleicht hilft dir das bei der Hypertrophie.
Am Ende musst du immer zur Absicht der Strategie zurückkehren: Was wollen wir für diesen Athleten erreichen? Was braucht er? Wo ist sein Kraft-Engpass? Was macht ihn stärker? Die gezeigten Protokolle sind dann verschiedene Wege, das Training zu organisieren.
“What are we here to do for this athlete? What do they need? What is their strength bottleneck? What will make them stronger?” Was wollen wir für diesen Athleten erreichen? Was braucht er? Wo ist sein Kraft-Engpass? Was macht ihn stärker? John Garafano
John ermutigt dich, dich von den vielen Protokollen nicht überwältigen zu lassen, sondern sie einfach auszuprobieren. Wenn du das Gefühl hast, ein Athlet könnte von einem bestimmten Protokoll profitieren, setz es ein und schau, was passiert. Mit der Zeit sammelst du Erfahrungen und kannst sagen: In diesem Szenario funktioniert die Rep-Drop-Methode richtig gut. Oder: Hier mag ich eine Einzelwiederholung @8, aber danach gebe ich lieber einen Prozentsatz mit RPE-Stopp vor statt einer festen Wiederholungszahl, weil dieser Athlet viel Ermüdung erzeugt und es für dich und ihn einfacher ist, wenn er nach seinem Anstrengungsempfinden aufhört.
Mit der Zeit erkennst du so die Situationen, in denen ein bestimmtes Protokoll besser zu einem Athleten passt. Das hilft dir in deiner Laufbahn als Coach, denn irgendwann bekommst du einen Athleten, bei dem du dasselbe wieder siehst, und kannst auf deine Erfahrung zurückgreifen. Etwa so: Ich hatte einen Athleten mit Konditionsproblemen, und Repeated-Effort-Protokolle waren dafür richtig gut. Aber prozentbasierte Repeated-Effort-Protokolle vom 1RM gebe ich diesem neuen Athleten nicht, weil er typischerweise mehr Ermüdung erlebt als der durchschnittliche Athlet. Also mache ich etwas mit RPE.
“Try not to be overwhelmed with all these different protocols, just try them.” Lass dich von all diesen verschiedenen Protokollen nicht überwältigen, probier sie einfach aus. John Garafano
John hofft, dass seine beiden Lektionen hilfreich waren: Er wollte etwas Theorie vermitteln, aber auch praktische Beispiele und Protokolle, die du im Training einsetzen kannst. Bei Fragen lädt er dich ins RTS Training Lab und in seine Office Hours ein.
Zitate aus der automatischen Abschrift des Videos; offensichtliche Transkriptionsfehler wurden behutsam bereinigt. Folienbilder aus dem Video, Zeitangaben gerundet.
In dieser Lektion geht es darum, Übungen mit einem Modell einzuordnen, das auf Powerlifting zugeschnitten ist: Wettkampfübung, spezielle Entwicklungsübung und spezielle Vorbereitungsübung. Du erfährst, was jede Kategorie ausmacht und wie du sie im Training einsetzt. Danach zeigt Gaby, wie dir Grundbegriffe der Biomechanik und weitere Sichtweisen helfen, Übungen gezielt für deine Athleten auszuwählen.
Der Kursleiter eröffnet die Lektion. Ihr Ziel ist, dir ein Rahmenmodell an die Hand zu geben, mit dem du verschiedene Übungen einordnen kannst. Als Referentin hat er Coach Gaby Muller gewählt. Gaby ist lizenzierte Powerlifting-Trainerin der Stufe 2 über die IPF und hat einen Bachelor in Sportwissenschaft (Exercise Science). Sie ist laut Kursleiter belesen, bildet sich ständig weiter und ist auch in der praktischen Seite des Coachings sehr stark.
Für dieses Thema hält er sie aus zwei Gründen für besonders geeignet: wegen ihrer Art zu kommunizieren und wegen ihres Schwerpunkts auf Technik, im eigenen Training wie bei ihren Athleten. Technik ist zwar ein eigenes Thema, aber ein gutes Gespür dafür macht es leichter, die Einordnung von Übungen zu verstehen und wirksam einzusetzen, sobald es um Entwicklungsübungen, Schwachstellen und Teilaufgaben einer Bewegung geht.
“Having a good head for technique makes exercise classification easier to wrap your head around, easier to employ effectively.” Ein gutes Gespür für Technik macht es leichter, die Einordnung von Übungen zu verstehen und wirksam einzusetzen. Kursleiter (Einleitung)
Gaby erklärt dann, warum es eine eigene Einteilung braucht: Im Powerlifting ist das oberste Ziel, die Lifts zu verbessern, die du auf der Wettkampfbühne zeigst, meist Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben. Deshalb sehen die Kategorien etwas anders aus als im allgemeinen Krafttraining. Bei RTS predigen die Coaches außerdem gern, wie wichtig ein großer Werkzeugkasten ist und das Wissen, wann und wie man welches Werkzeug einsetzt.
“By the end of this lesson, you will be able to think outside of the box and view different movements in various ways that go beyond just viewing movements in terms of different muscle groups.” Am Ende dieser Lektion kannst du über den Tellerrand hinausdenken und Bewegungen auf verschiedene Arten betrachten, die über die bloße Sicht nach Muskelgruppen hinausgehen. Gaby Muller
Im Powerlifting unterscheidet Gaby drei Hauptkategorien von Übungen:
Die erste Kategorie ist die offensichtlichste: die Wettkampfübung, kurz CE. Oft hört man dafür auch „Hauptübung“ (Main Lift). Laut Folie ist es der Hauptlift, der den Leistungsstandards des gewählten Verbands und der gewählten Division entspricht, betrachtet durch die Powerlifting-Brille. Es ist genau der Lift, den du im Wettkampf auf die Bühne bringst.
“This is the lift that we're going to put on the platform at the powerlifting competitions.” Das ist der Lift, den wir bei Powerlifting-Wettkämpfen auf die Bühne bringen. Gaby Muller
Dabei unterscheidet Gaby zwei Arten von Unterschieden: zwischen Verbänden und bei der Ausrüstung.
Im Powerlifting gibt es sehr viele Verbände, und jeder hat etwas andere Standards und Regeln. Deshalb solltest du dich zuerst mit den Standards vertraut machen. Beim Bankdrücken ist es zum Beispiel in manchen Verbänden erlaubt, den Kopf von der Bank zu heben oder die Ferse vom Boden zu lösen, also nicht flach auf dem Boden zu stehen. In anderen Verbänden, etwa in der IPF (International Powerlifting Federation), wäre das kein gültiger Versuch. Wer die Regeln kennt, kann sich im Training gut auf den Wettkampf vorbereiten.
Dazu kommen verschiedene Divisionen. Am häufigsten ist der volle Wettkampf mit Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben. Es gibt aber auch reine Bankdrück-Wettkämpfe, bei denen das Bankdrücken deine einzige Hauptübung ist, reine Kreuzheben-Wettkämpfe und Wettkämpfe mit Bankdrücken und Kreuzheben, also einen vollen Wettkampf ohne Kniebeuge.
Die zwei Hauptkategorien sind Raw-Powerlifting und Equipped-Powerlifting (mit unterstützender Ausrüstung).
Auch hier gilt: Mach dich damit vertraut, damit du nach den Wettkampfstandards trainieren kannst.
Diese Fragen stehen auch auf der Folie. Manche Lifter profitieren sehr davon, im Training so nah wie möglich an den Wettkampfstandards zu trainieren, damit sie bestmöglich vorbereitet sind. Für andere spielt das kaum eine Rolle, und sie profitieren nicht viel davon. Damit sind wir bei der Spezifität (Specificity). Wenn von Spezifität die Rede ist, meint man meist: so nah wie möglich an den Wettkampfstandards, also so, wie du deine Hauptübungen auf der Bühne ausführst.
Man kann sogar noch weiter gehen und das Material berücksichtigen, denn auch das unterscheidet sich zwischen Verbänden und Divisionen: verschiedene Stangen, kalibrierte Scheiben (auf denen meist im Wettkampf gehoben wird) gegenüber Bumper-Scheiben oder anderen Scheiben, verschiedene Racks und Bänke. Die Frage ist dabei immer: Wie viel bringt es wirklich, und muss man es wirklich so stark berücksichtigen?
Wenn du die Wettkampfübung im Training einsetzt, schaust du vor allem auf den Grad der Spezifität. Der kann sich ändern, je näher oder ferner der Wettkampf ist. Nicht jeder braucht das ganze Jahr über gleich viel Spezifität. Das hängt von der Phase ab: ob der Lifter in der Off-Season ist oder ob der Wettkampf näher rückt.
Spezifität betrifft die bereits besprochenen Unterschiede bei Ausrüstung und, falls du das berücksichtigen willst, beim Material. In der eigentlichen Programmierung geht es außerdem um die Spezifität von Intensitätszonen und Wiederholungsbereichen. Die spezifischste Intensität sind 100 Prozent bei einer Einzelwiederholung, also Heben am absoluten Maximum. Das kann man nicht jede Woche machen, und es bringt auch nicht jede Woche etwas.
Spannend ist deshalb die Frage, wie sehr ein Athlet davon profitiert, näher an seiner Höchstkraft zu trainieren, auch über die verschiedenen Phasen des Jahres hinweg. Nicht jeder profitiert davon. Manche müssen mehr daran und an der Fertigkeit arbeiten. Für andere ist es sehr nützlich, weiter davon entfernt zu trainieren, und das überträgt sich trotzdem auf ihren Wettkampflift. Spezifität ist also eine Überlegung, wenn du die Wettkampfübung verschreibst.
“Not everyone always needs the same amount of specificity all year round, depending on what phase they're in.” Nicht jeder braucht das ganze Jahr über gleich viel Spezifität. Das hängt davon ab, in welcher Phase er gerade ist. Gaby Muller
Die zweite Kategorie ist die spezielle Entwicklungsübung, kurz SDE. Oft hört man dafür „Variante“ (Variation). Gemeint ist eine Übung, die der Wettkampfübung sehr nahekommt und genau dasselbe Bewegungsmuster trainiert wie Kniebeuge, Bankdrücken oder Kreuzheben.
Laut Folie gilt für die SDE:
Die Folie fasst zusammen: Die SDE trainiert das Bewegungsmuster.
“The special development exercise is intended to have direct carry over onto the competition exercise.” Die spezielle Entwicklungsübung soll sich direkt auf die Wettkampfübung übertragen. Gaby Muller
Um SDEs im Training einzusetzen, gibt es verschiedene Stellschrauben:
Insgesamt bleibt die Bewegung der Wettkampfübung sehr ähnlich, so steht es auch auf der Folie.
Die letzte der drei Hauptkategorien ist die spezielle Vorbereitungsübung, kurz SPE. Oft hört man dafür „Hilfsübung“ (Accessory). Sie soll körperliche Eigenschaften entwickeln, die für den Erfolg im eigentlichen Wettkampf nötig sind, etwa Kraft, Schnellkraft, Ausdauer oder Schnelligkeit. Im Powerlifting geht es hier in der Regel um Hypertrophie, also Muskelaufbau.
Wichtig ist: Bei diesen Übungen ist es oft schwieriger, die Last zu steigern. Häufig sind es isolierte Bewegungen statt Grundübungen. Du willst bestimmte Muskeln isolieren und arbeitest deshalb oft mit geringeren Gewichten. Sie lassen sich nicht so schwer beladen wie SDEs oder Wettkampfübungen.
Bei der SPE geht es um langfristigen Nutzen, sie ist eine langfristige Investition. Sie überträgt sich nicht unbedingt direkt auf die Wettkampfübung, und das ist in Ordnung. Oft zielst du damit auf andere Muskelgruppen. Die Folie fasst zusammen: Die SPE spricht Muskelgruppen an.
“It's a long-term investment. It doesn't necessarily have direct carry over onto the competition exercise. And that is okay.” Es ist eine langfristige Investition. Sie überträgt sich nicht unbedingt direkt auf die Wettkampfübung. Und das ist in Ordnung. Gaby Muller
Beim Einsatz der SPE im Training liegt der Schwerpunkt auf der Muskelentwicklung. Darauf achtest du:
Im Zusammenhang mit der Einordnung von Übungen lohnt sich laut Gaby ein Blick auf die Biomechanik. Ein Grundverständnis davon ist für Coaches sehr nützlich, um zu verstehen, warum ein Athlet sich so bewegt, wie er sich bewegt, und warum ein Lift so aussieht, wie er aussieht. Ein Lift wird nicht nur von unterschiedlichen Hebelverhältnissen beeinflusst, sondern auch von bestimmten Schwächen oder davon, in welche Positionen der Lifter gerät.
“We're all built different, so a lift is going to look different for everyone as we all have different leverages and different weaknesses.” Wir sind alle unterschiedlich gebaut, deshalb sieht ein Lift bei jedem anders aus, denn wir haben alle unterschiedliche Hebelverhältnisse und unterschiedliche Schwächen. Gaby Muller
Als Erstes geht es um den Körperschwerpunkt (Center of Mass, CoM): den Punkt, in dem die gesamte Masse des Körpers konzentriert ist. Er lässt sich verschieben, nach vorn (das Gewicht lastet mehr auf den Zehen) oder nach hinten (mehr auf den Fersen). Beeinflussen kannst du ihn laut Folie zum Beispiel durch:
Damit verschiebt sich auch die Betonung auf verschiedene Muskeln.
Gaby nennt die Frontkniebeuge ihre Lieblingsvariante. Bei ihr verschiebt sich der Körperschwerpunkt nach hinten, die Bewegung wird kniedominanter und legt mehr Betonung auf den Quadrizeps.
Bei der Low-Bar-Kniebeuge verschiebt sich der Körperschwerpunkt nach vorn. Mehr Betonung liegt auf der Hüfte, und die Bewegung wird dominanter für die gesamte hintere Muskelkette.
Das Moment ist laut Folie der Abstand zwischen einem Gelenk und einer Kraftlinie. Auf dem Bild einer Kniebeuge siehst du die Mittellinie und die Momentarme von Hüfte und Knie.
Diese Abstände können sich während des Lifts verändern. Der Abstand von der Hüfte zur Mittellinie kann sich zum Beispiel ändern, wenn du aus der tiefsten Position hochkommst. Bei der klassischen „Good-Morning-Kniebeuge“ wird dieser Abstand länger. Daraus kann man ableiten, dass die gesamte hintere Muskelkette härter arbeiten muss als sonst.
Es gibt noch weitere Arten, Übungen einzuordnen. Sie helfen dir, bei der Übungsauswahl für deine Athleten etwas kreativer zu werden.
Bei Gelenken und Wirbelsäule unterscheidest du vor allem zwischen Flexion (Beugung) und Extension (Streckung). Es gibt natürlich auch Rotation, die du berücksichtigen kannst, aber Gaby konzentriert sich hier auf Flexion und Extension.
Das kannst du berücksichtigen, wenn du Übungen verschreibst, um bestimmte Positionen gezielt zu betonen.
Auch der Brustkorb bietet eine Sichtweise auf Übungen:
Wenn du das verstehst und berücksichtigst, kannst du Übungen auswählen, die diese Position beeinflussen, zum Beispiel um den Bogen beim Bankdrücken zu verbessern.
In dieser Lektion hast du verschiedene Sichtweisen auf Übungen kennengelernt, die dir bei der Übungsauswahl helfen, um die Hauptübungen deiner Athleten zu verbessern. Die Folie fasst vier Ansatzpunkte zusammen:
“I hope this is going to help you to grow your toolbox and to help to bring your athletes to the next level.” Ich hoffe, das hilft dir, deinen Werkzeugkasten zu vergrößern und deine Athleten auf das nächste Level zu bringen. Gaby Muller
Zitate aus der automatischen Abschrift des Videos; offensichtliche Transkriptionsfehler wurden behutsam bereinigt. Folienbilder aus dem Video, Zeitangaben gerundet.
In dieser Lektion geht es darum, wie man eine Trainingswoche aufbaut: an welchen Tagen trainiert wird, welche Übungen sich gegenseitig stören, wie Zeitbudget und individuelle Vorlieben die Struktur bestimmen, wie man von einer Grundvorlage ausgeht, Übungen nach Priorität verteilt und die Vorlage anpasst, wenn sie beim Athleten nicht funktioniert. Zum Schluss zeigt Adam an einer Fallstudie, wie er das Kreuzheben eines Athleten vor der Ermüdung durch die Kniebeuge geschützt hat.
Mike eröffnet die Lektion. Thema sind die Mikrozyklen (Microcycles): Sie sind die kleinste in sich vollständige Trainingseinheit, die man auf Dauer wiederholen kann. Meist ist damit eine Trainingswoche gemeint, das muss aber nicht so sein. Mikrozyklus-Design hat viele Facetten, und es ist wichtig.
Als Referenten hat Mike Coach Adam Jones ausgewählt. Adam ist seit 2014 Powerlifting-Coach und selbst Spitzenathlet: Er ist mehrfach bei IPF-Weltmeisterschaften angetreten und zählt stets zu den besten Liftern der Klasse bis 83 kg weltweit. Auch seine Arbeit als Coach ist nach Mikes Worten von höchster Qualität.
Was Adam für dieses Thema besonders geeignet macht, ist seine Trainingsphilosophie. Mike spricht selbst viel über Führung, Beziehung und Kreativität. Adam hat dem seine eigene Note hinzugefügt: Anpassungsfähigkeit. Mike vermutet, dass das zum Teil aus Adams Hintergrund in der Bergbau- und Baubranche kommt. Adam kennt die Einschränkungen aus dem echten Leben von echten Athleten, sich selbst eingeschlossen, und die haben großen Einfluss auf die Gestaltung von Mikrozyklen und all die kleinen Feinheiten, die daran hängen.
“Microcycles are kind of the smallest, sustainable, complete unit of training. Usually we’re talking about a training week, but it doesn’t have to be just that.” Mikrozyklen sind gewissermaßen die kleinste dauerhaft durchführbare, vollständige Trainingseinheit. Meist sprechen wir von einer Trainingswoche, aber es muss nicht nur das sein. Mike
Die Folie definiert den Mikrozyklus als kurzfristigen Trainingsblock. Adam beschreibt ihn als eine Einheit des Trainings. Typischerweise ist das eine Woche, wie Mike in der Einleitung erklärt hat, er kann aber auch kürzer oder länger sein.
Für die meisten Menschen ist das Leben um eine Woche herum organisiert. Damit lässt sich das Training leichter planen und man bleibt leichter konsequent dabei. Deshalb bleibt Adam in dieser Lektion bei einer Trainingswoche.
“For the majority of people, their lives work around a week and it’s easier to navigate and stay consistent with.” Bei den meisten Menschen dreht sich das Leben um eine Woche, und damit lässt es sich leichter planen und konsequent bleiben. Adam Jones
Die Folie nennt drei Punkte, die du beim Entwurf eines Mikrozyklus bedenken solltest:
Stell dir vor, du machst eine schwere Kreuzheben-Einheit und direkt danach deine Haupteinheit Kniebeugen. Die Kniebeugen werden nach einer schweren Kreuzheben-Einheit nicht besonders gut laufen. Genau solche Wechselwirkungen musst du bei der Planung berücksichtigen.
Ein weiterer Punkt sind zeitliche Einschränkungen. Die Folie unterscheidet zwei Fragen: Wie viel Zeit steht für die Trainingseinheiten zur Verfügung, und mit welchen Strategien holst du unter diesen Einschränkungen das Beste aus dem Training heraus?
Manche Menschen haben ein volles Leben und können jeden Tag nur einen bestimmten Zeitblock oder nur bestimmte Tage fürs Training freimachen. Andere sind flexibler, haben mehr Zeit fürs Training übrig und sind auch bei der Struktur ihres Trainings flexibel. Das musst du berücksichtigen.
“If people have plenty of days to train but they only have a short block of time to train, maybe you might want to consider for them to train more frequently with shorter sessions.” Wenn jemand viele Tage zum Trainieren hat, aber nur einen kurzen Zeitblock, kannst du überlegen, ihn häufiger mit kürzeren Einheiten trainieren zu lassen. Adam Jones
Laut Folie geht es darum, individuelle Vorlieben und Prioritäten zu erkennen und den Mikrozyklus auf die Bedürfnisse und Ziele des Athleten zuzuschneiden. Adam nennt dafür mehrere Arten von Unterschieden:
Wenn du all diese Informationen gesammelt hast, schreibst du deinen Mikrozyklus auf: die Tage, an denen trainiert wird, und die Übungen. Die Folie zeigt eine Grundvorlage von RTS. Sie ist für einen Athleten gedacht, der nur unter der Woche trainieren und die Wochenenden freihaben will. So steht es auf der Folie:
Unter jeder Übung stehen auf der Folie die Felder NL, Total, Peripheral und Central, in dieser leeren Vorlage alle noch mit 0. Adam erklärt sie in dieser Lektion nicht.
Adam erläutert den Aufbau: An Tag 1 stehen die Haupteinheiten Kniebeuge und Bankdrücken, gefolgt von etwas Zusatzarbeit für den Oberkörper. An Tag 2 kommt das Haupt-Kreuzheben, dann das zweite Bankdrücken, also die SDE-Variante (spezielle Entwicklungsübung) des Bankdrückens, und danach etwas Unterstützungsarbeit für die Quadrizeps.
Für manche Lifter kann genau das ein Problem sein: Die Kniebeuge stört das Kreuzheben, sie fühlen sich am nächsten Tag zu mitgenommen, um gut Kreuzheben zu können, und die Struktur funktioniert für sie nicht. Andere kommen mit dieser Struktur gut zurecht. Sie erholen sich rechtzeitig für das Kreuzheben am nächsten Tag, spüren die Ermüdung aber am Tag danach. Manche spüren Ermüdung oder Muskelkater nämlich erst zwei Tage nach einer der Hauptübungen. RTS löst das, indem das Kreuzheben auf den direkt folgenden Tag gelegt wird.
Aber nicht jeder reagiert gleich. Du musst dich anpassen und kreativ sein, wie du die Vorlage aufbaust, damit sie für den Athleten funktioniert. Wie Adam genau dieses Problem bei einem Athleten erlebt und gelöst hat, zeigt er später in der Fallstudie (Abschnitt 9).
“Not everyone responds the same, so you need to be able to adapt and be creative on how you structure the template to make it work for the athlete.” Nicht jeder reagiert gleich. Du musst also anpassungsfähig sein und kreativ damit umgehen, wie du die Vorlage aufbaust, damit sie für den Athleten funktioniert. Adam Jones
Im nächsten Schritt fügst du deine Protokolle hinzu, also die konkreten Satz- und Wiederholungsvorgaben. Die Folie zeigt die Grundvorlage „Thorns EC“. Sie soll nur zeigen, wie das Endprodukt aussehen kann. Die Schreibweise ist jeweils „Wiederholungen @ RPE“ mit dem zugehörigen Prozentwert. Wiedergabe exakt wie auf der Folie:
Auf dieser Folie steht am Dienstag „Deadlift (conv)“, auf der vorherigen Grundvorlage „Deadlift (sumo)“. Die Kennzahlen NL, Total, Peripheral und Central werden in dieser Lektion nicht erklärt.
Die Folie nennt zwei Punkte: verstehen, dass Anpassungen nötig sein werden, und die Vorlage anhand der individuellen Reaktion anpassen.
Ob du mit einem Athleten arbeitest oder für dich selbst planst: Auf längere Sicht wird es Anpassungsbedarf geben. Das Leben ändert sich. Menschen bekommen einen neuen Job, verletzen sich oder bekommen Kinder. Dann musst du bereit sein, die Vorlage zu ändern, damit sie zum Athleten bzw. zu dir passt und du das Training so gut wie möglich optimierst.
Das gilt besonders bei einem neuen Athleten, der gerade erst bei dir angefangen hat. Er hat dir gesagt, an welchen Tagen und wie lange er trainieren kann. Du schreibst ihm eine Vorlage, sie sieht gut aus, du gibst sie ihm, und dann läuft es nicht richtig, weil sich bestimmte Übungen gegenseitig stören, zum Beispiel wie im Beispiel vorher, wenn das Kreuzheben unter der Ermüdung durch die Kniebeuge leidet. Dann musst du bereit sein, die Vorlage für den Athleten zu ändern. Deshalb ist hier gute Kommunikation sehr wichtig.
“People’s lives change, they get new jobs, they get injured or they have kids. You will need to be ready to make changes to the template.” Das Leben der Menschen ändert sich: Sie bekommen einen neuen Job, verletzen sich oder bekommen Kinder. Du musst bereit sein, die Vorlage zu ändern. Adam Jones
Adam zeigt, wie viele Möglichkeiten es gibt. Die Folie nennt:
CE steht dabei für die Wettkampfübung (Competition Exercise). Mit den Übungen, die du in früheren Lektionen kennengelernt hast und die RTS gern in seinen Programmen einsetzt, ergeben sich, wie die Folie sagt, sehr viele mögliche Kombinationen. Du musst bestimmte Übungen priorisieren, und das grenzt die Zahl der Kombinationen ein, die für eine Vorlage infrage kommen.
Dafür hat Adam eine Prioritätenpyramide erstellt. Sie wird von unten nach oben abgearbeitet:
Die Reihenfolge von SDE und SPE kann sich je nach Trainingsphase ändern. Bist du eher in einer Hypertrophiephase, ist die SPE vielleicht wichtiger als die SDE. Für den Großteil der Programmierung soll die SDE aber die höhere Priorität behalten.
Die Pyramide gibt dir eine Richtung vor, wie du deine Trainingstage und deine Trainingswoche, also deinen Mikrozyklus, aufbaust.
“For the majority of your programming we want to keep the SDE higher priority.” Für den Großteil deiner Programmierung wollen wir der SDE die höhere Priorität geben. Adam Jones
Zum Schluss geht Adam eine Fallstudie mit einem Athleten durch, mit dem er arbeitet: wie sie damit umgegangen sind, dass sein Kreuzheben unter dem Kniebeugen-Training litt.
Als sie anfingen, hatte der Athlet vier feste Trainingstage ohne jede Flexibilität: Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag. Keiner davon ließ sich verschieben. Dazu kamen drei Übungsplätze pro Tag. Die Folie fasst zusammen: feste Tage, 4 Tage pro Woche, 3 Übungsplätze, die Haupt-Kniebeuge stört das Haupt-Kreuzheben. Der Plan, exakt wie auf der Folie:
Mit dieser Struktur zeigte sich, dass das Kreuzheben unter der Kniebeuge litt. Es war sehr unbeständig: Am besten war es nach einem Pivot, danach fiel es einfach ab. Damals nahmen sie an, dass die Ermüdung durch die Kniebeugen die Ursache war. Also mussten sie etwas ändern.
“It was very inconsistent. It was the best after a pivot and then it would just dive down.” Es war sehr unbeständig. Nach einem Pivot war es am besten, und dann ging es einfach bergab. Adam Jones
Die Trainingstage ließen sich nicht ändern, und sie wollten bei vier Tagen pro Woche bleiben. Also versuchten sie, am selben Tag Kreuzheben zu machen wie Kniebeugen. Laut Folie: an Tag 1 die drei Hauptübungen Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben (Main SBD). Der Plan, exakt wie auf der Folie:
Damit hatten sie Erfolg: Wenn der Athlet am selben Tag Kniebeugen und Kreuzheben machte, litt das Kreuzheben weniger als beim Kreuzheben am Folgetag. Es kam etwas Beständigkeit hinein, und das war ein Gewinn. Perfekt war es nach Adams Einschätzung aber nicht. Für die Situation war es ziemlich gut, mit etwas mehr Flexibilität hätten sie aber vielleicht mehr erreicht.
Die Folie nennt Vor- und Nachteile:
Adam zeigt außerdem die Vorlage, die er bevorzugt hätte, wenn es Flexibilität gegeben hätte. Er hätte einen Ruhetag zwischen Tag 1 und Tag 2 vorgeschlagen und das Kreuzheben auf Mittwoch statt Dienstag gelegt. Er nimmt an, dass der Athlet dann für diese Einheit relativ frisch gewesen wäre und sich stärker allein auf diesen Lift hätte konzentrieren können. Der Plan, exakt wie auf der Folie:
Die Folie nennt als Vorteil: potenziell weniger Ermüdung fürs Kreuzheben. Als Nachteil: weniger Ruhe zwischen den Mikrozyklen. Zwischen zwei Mikrozyklen liegt dann nur ein Ruhetag. Ob das wirklich wichtig ist? Zwei Ruhetage sind schön, aber bei den meisten Menschen hat Adam zwischen einem und zwei Ruhetagen zwischen den Mikrozyklen keinen drastischen Unterschied gesehen.
“For a majority of people I haven’t seen a drastic difference between having two days rest in between microcycles and one.” Bei den meisten Menschen habe ich keinen drastischen Unterschied gesehen, ob zwischen den Mikrozyklen zwei Ruhetage liegen oder einer. Adam Jones
“Once you’ve learned the fundamentals of writing microcycles, the rest is driven by creative problem-solving to find ways to adjust the structure for one’s needs.” Wenn du die Grundlagen beherrschst, wie man Mikrozyklen schreibt, wird der Rest von kreativem Problemlösen getragen: Wege finden, die Struktur an die Bedürfnisse des Einzelnen anzupassen. Adam Jones, Text auf der Folie
Wie schon früher in der Lektion: Das Leben der Menschen ändert sich. Sie bekommen neue Jobs, Kinder, verletzen sich, Training wird weniger wichtig, aber sie wollen trotzdem trainieren. Dann musst du die Struktur der Programmierung an den Athleten oder an dich selbst anpassen können. Und du wirst Athleten oder neue Athleten haben, bei denen bestimmte Strukturen nicht funktionieren. Dann musst du kreativ werden, Wege finden, wie die Struktur für sie funktioniert, und dir das notieren.
Am Ende ist es eine Frage der Erfahrung. Je öfter du das machst, desto öfter merkst du: Dieses Problem hatte ich schon, ich habe das gemacht, und es hat funktioniert. Du wendest es bei einem anderen Athleten an, es funktioniert wieder, das ist ein Gewinn. So entwickelst du nach und nach dein Werkzeug, um Mikrozyklen und unterschiedliche Strukturen zu schreiben, die für Menschen funktionieren. Genau das ist für Adam das Schöne daran: Es gibt sehr viele Wege, einen Mikrozyklus zu schreiben und ihn für jemanden passend zu machen.
“That’s the beauty about it, there’s so many ways to write it and make it work for people.” Das ist das Schöne daran: Es gibt so viele Wege, ihn zu schreiben und für Menschen passend zu machen. Adam Jones
Zitate aus der automatischen Abschrift des Videos; offensichtliche Transkriptionsfehler wurden behutsam bereinigt. Folienbilder aus dem Video, Zeitangaben gerundet.
In dieser Lektion geht es darum, wie man Trainingsblöcke plant und so hintereinander setzt, dass sie zum bestmöglichen Wettkampftag führen: welche Blocktypen es gibt, wie man die Blöcke zeitlich auf einen Wettkampf ausrichtet, wie man mit wichtigen und weniger wichtigen Wettkämpfen und mit Unvorhergesehenem umgeht und wie Blockauswertungen helfen, die beste Abfolge zu finden.
Mike Tuchscherer eröffnet die Lektion und übergibt dann an Coach Peter Lucey. Mike nennt ihn einen „Coach's Coach“: Peter ist Cheftrainer der thailändischen Powerlifting-Nationalmannschaft, hat die IPF-Trainerlizenz der Stufe 2 und ist seit mehreren Jahren RTS-Coach. Er betreut Athleten regelmäßig bei Weltmeisterschaften, Junioren-Weltmeisterschaften, Europa- und Asienmeisterschaften. Genau diese Praxis macht ihn zum passenden Referenten: individuelle Trainingsblöcke entwerfen, sie auf einen Wettkampf hin aneinanderreihen und den Wettkampf dann umsetzen.
Mike beschreibt das Thema augenzwinkernd als den Teil, in dem „die Trainingsnerds glänzen“: Hier sieht Trainingsplanung zum ersten Mal wirklich nach Trainingsplanung aus.
Das Lernziel ist klar umrissen: Du sollst lernen, Trainingsblöcke zu planen und sie so zu einer Abfolge zu verbinden, dass sie in ein ideales Wettkampfszenario münden. Dafür geht Peter zuerst die verschiedenen Blocktypen durch und danach die guten Praktiken, mit denen man sie zu einer Sequenz verknüpft, die am Wettkampftag die bestmögliche Leistung ermöglicht.
“Our main objective with this lesson is going to be to learn to plan training blocks and sequence those training blocks so that you can lead yourself into the ideal scenario coming in towards your competitions.” Unser Hauptziel in dieser Lektion: lernen, Trainingsblöcke zu planen und sie so aneinanderzureihen, dass du dich in das ideale Szenario vor deinen Wettkämpfen hineinführst. Peter Lucey
Die Folie zählt alles auf, worüber Peter spricht: Entwicklungsblöcke, Pivot-Blöcke, Taper-Wochen, Blöcke mit 1×-, 2×- und ½-Frequenz, explorative Blöcke und fokussierte Blöcke.
Wichtig ist die Rangordnung dahinter. Die beiden Hauptarten sind Entwicklungsblöcke (deine eigentlichen Trainingsblöcke, in denen du Fortschritt erzeugen und deine e1RMs steigern willst) und Pivot-Blöcke, die zwischen den Entwicklungsblöcken liegen. Die Frequenzvarianten sowie die explorativen und fokussierten Blöcke sind keine eigenen Gattungen, sondern Spielarten des Entwicklungsblocks. Peter nennt außerdem Entwicklungsblöcke, die zum Beispiel stärker auf Hypertrophie ausgerichtet sind. Welche Spielart du wählst, hängt davon ab, was du bzw. dein Athlet gerade braucht und wo ihr im Wettkampfkalender steht.
Auch bei den Pivots ist die Auswahl groß. Manche Lifter brauchen eher einen „Auswasch“-Pivot, der die Hauptübungen wieder empfindlicher für den Trainingsreiz macht (Resensibilisierung). Andere brauchen einen Pivot, der eher die Kraft erhält und spezifischer bleibt. Du musst dich nicht auf eine Pivot-Art festlegen: Zu verschiedenen Zeitpunkten im Trainingsprozess können verschiedene Pivots sinnvoll sein. So kann der Pivot in den letzten Blöcken vor einem wichtigen Wettkampf anders aussehen als in einer Phase ohne Wettkampf.
Der Entwicklungsblock ist dein wichtigster Blocktyp und der eigentliche Motor der Entwicklung. Sein Hauptziel ist, Fortschritt zu erzeugen und letztlich dein 1RM in den drei Wettkampfübungen zu steigern, dazu auch in den ergänzenden Übungen des Blocks.
Peter knüpft an die Übungseinteilung aus Lektion 6 an: Neben den Wettkampfübungen gibt es die speziellen Entwicklungsübungen (SDE) und die speziellen Vorbereitungsübungen (SPE). SDEs und SPEs sind dazu da, den Fortschritt in den Wettkampfübungen zu unterstützen und anzutreiben. Im Entwicklungsblock soll dieser Leistungszuwachs entstehen, und über mehrere Entwicklungsblöcke hinweg baust du Schwung auf und verknüpfst die Fortschritte miteinander.
Entwicklungsblöcke können viele Formen annehmen, mit ganz unterschiedlichen Protokollen und übergreifenden Themen. Entscheidend ist: Die Form richtet sich nach der individuellen Reaktion des Athleten auf das Training. Du willst herausfinden, ob eine bestimmte Art von Belastung oder Ausrichtung in einem Block besser funktioniert als eine andere, und diese Unterschiede können sich auch zwischen den einzelnen Lifts zeigen. Im Laufe der Zeit passt du deine Strategie für die Entwicklungsblöcke daran an, um möglichst viel aus dem Training herauszuholen.
Ob ein Entwicklungsblock eher explorativ oder eher fokussiert angelegt ist, richtet sich nach deinem Wettkampfkalender. Liegen noch einige Blöcke bzw. Monate bis zum Wettkampf vor dir, ist das eine gute Gelegenheit für explorative Blöcke. Die müssen nicht meilenweit von dem entfernt sein, was du bisher gemacht hast, aber du kannst neue Trainingsstile, Protokolle und Strategien ausprobieren und dir so mehr Werkzeuge für deinen Werkzeugkasten verschaffen.
Je näher der Wettkampf rückt, desto fokussierter werden die Blöcke: Du stützt dich auf die Informationen aus den explorativen Blöcken. Den letzten Block vor dem Wettkampf nennt Peter manchmal den „Greatest-Hits-Block“. Darin bringst du alles zusammen, was sich in den vorherigen Blöcken oder früher als fruchtbar erwiesen hat: die Strategie, die Protokolle, die Entwicklungsübungen und die SPEs.
“That last block leading into the competition will be what we call sometimes the greatest hits block.” Den letzten Block vor dem Wettkampf nennen wir manchmal den „Greatest-Hits-Block“. Peter Lucey
Der Pivot bildet den Übergang zwischen zwei Entwicklungsblöcken. Er kann eine Woche dauern, zwei Wochen oder auch länger. Das hängt von deiner Time to Peak ab und davon, was sich bei dir als produktiv erwiesen hat. Die möglichen Ziele eines Pivots sind vielfältig, das übergeordnete Ziel ist aber immer dasselbe: dich bzw. deine Athleten für produktive Entwicklungsblöcke vorzubereiten, die danach kommen. Der Pivot ist eine Brücke.
“The ultimate goal is to set yourself or your athletes up for productive development blocks that will come after, so they serve as a good bridge.” Das übergeordnete Ziel ist, dich oder deine Athleten für die anschließenden Entwicklungsblöcke gut aufzustellen. Pivots sind eine gute Brücke. Peter Lucey
Als Faustregel nennt Peter: Ein Pivot hat etwa die Hälfte der Gesamtbelastung eines Entwicklungsblocks.
“Usually pivots will have around half the overall stress of the development block.” Üblicherweise haben Pivots etwa die Hälfte der Gesamtbelastung des Entwicklungsblocks. Peter Lucey
Ein Pivot ist mehr als eine Deload-Woche, auch wenn er die Aufgabe eines Deloads erfüllen kann und ein Deload eine durchaus brauchbare Pivot-Variante ist. Es ist aber mehr als eine leichtere Trainingswoche: Du kannst darin produktive Arbeit an Dingen erledigen, für die sonst wenig Zeit bleibt, etwa Tempo-Arbeit oder Hochstangen-Kniebeugen.
Tapers sind kurze Blöcke direkt vor dem Wettkampf und ebenfalls ein wichtiger Baustein der Sequenz. Peter streift sie hier nur, weil es dazu eine eigene Lektion gibt (Lektion 11 „Tapern für den Wettkampf“).
Das Ziel des Tapers ist, dich in die Lage zu versetzen, am Wettkampftag deine beste Leistung abzurufen. Auch der Taper sollte sich aus dem speisen, was du im Training gesehen hast und welcher Fortschritt dort entstanden ist. Mit jedem Wettkampf bekommst du die Chance, deinen Taper weiter einzustellen: Welche Taper-Strategien haben dem Lifter zu guten Wettkampfleistungen verholfen?
Entwicklungsblöcke lassen sich danach unterscheiden, wie oft die Wettkampfübung darin vorkommt. Eine solche Einheit mit der Wettkampfübung nennt der Kurs Exposure.
Die ersten Entwicklungsblöcke mit einem Lifter laufen oft zeitlich offen, denn dabei wird seine Time to Peak (TTP) ermittelt: wie viele Exposures er braucht, bis er seinen Höhepunkt erreicht. Das ist für jeden anders. Die meisten Lifter liegen zwischen vier und sechs, manche brauchen länger, manche kürzer. Die TTP ist so wichtig, weil sie dir sagt, wie lange deine Blöcke dauern. Kennst du sie, ist das Ziel, die Exposures so zu legen, dass der Lifter am Ende des Blocks in Höchstform ist.
Mit der Frequenz kannst du die Exposures auf dem Weg zum Wettkampf verlangsamen (½) oder beschleunigen (2×). Das ist ein wertvolles Werkzeug, um die Blöcke passend zum Wettkampftermin zu legen.
“You can perhaps run a block that’s half the overall time of a normal block, but you do get all your exposures in by running a 2x frequency approach.” Du kannst einen Block fahren, der nur halb so lang ist wie ein normaler, und bekommst trotzdem alle Exposures unter, indem du mit 2×-Frequenz arbeitest. Peter Lucey
Explorative Blöcke sind Entwicklungsblöcke, in denen du erkundest, wie der Lifter auf eine bestimmte Trainingsstrategie oder einen bestimmten Reiz reagiert. Wenn du mit einem neuen Lifter beginnst und nicht viele Trainingsdaten von ihm hast, ist es gute Praxis, mit explorativen Blöcken zu starten. Die Ausnahme: Ein Wettkampf steht schon vor der Tür.
In diesen Blöcken tastest du dich heran, welcher Stress Index (das Belastungsmaß) für den Lifter gut funktioniert und wo der Sweet Spot in der Balance liegt. Das ist sehr individuell. Du startest mit einer bestimmten Strategie, einem bestimmten Protokollstil oder bestimmten Übungen, verfolgst über die Blockauswertungen, wie der Lifter darauf reagiert, und sammelst diese Informationen über mehrere Blöcke. Auch die Pivot-Strategie zwischen den Blöcken gehört dazu. All das liefert dir das Material, um das Training zu schreiben und den Fortschritt voranzubringen.
Explorative Blöcke können verschiedene Formen annehmen. Ein typischer Fall ist die Zeit nach einem Wettkampf: Vielleicht hast du eine Blockfolge, die vor Wettkämpfen sehr gut funktioniert, aber jetzt ist Zeit. Dann kann ein Tempowechsel-Block (Change of Pace) sinnvoll sein, in dem der Lifter einen ganz anderen Trainingsstil bekommt, der trotzdem produktiv ist. Wenn die Wettkämpfe wieder näher rücken, holst du den fokussierten Stil mit nachgewiesener Erfolgsbilanz zurück.
Fokussierte Blöcke sind Entwicklungsblöcke, in denen du die Informationen aus der Erkundungsphase nutzt, um Blöcke mit guter Erfolgsbilanz zusammenzustellen: Protokolle, auf die der Lifter gut reagiert hat, Übungen, die an bestimmten Schwachstellen arbeiten, SDEs und SPEs, die gewirkt haben. Auf der Folie heißt es, du nutzt die gesammelten Informationen, um dich auf die am besten wirkende Strategie oder Mischung von Strategien einzuschießen.
Dabei sind die Blockauswertungen und Meta-Auswertungen sehr mächtig, weil sie die Informationen filtern. Schon das Verfolgen der Fortschritte von Block zu Block, getrennt für die drei Lifts, bringt dich weit. Achte auch darauf, welche Blöcke vor besonders produktiven Blöcken lagen, denn es geht um die Abfolge. Vielleicht funktioniert eine bestimmte Strategie drei Blöcke vor dem Wettkampf gut, leitet gut in den Block zwei vor dem Wettkampf über, und der wiederum führt in den Wettkampfvorbereitungsblock, in dem der Lifter seinen Höhepunkt erreichen soll.
Wie du deine Trainingsblöcke anlegst, sollte sich nach dem Wettkampfkalender des Lifters richten. Bist du weit vom nächsten Wettkampf entfernt oder arbeitest du mit einem Lifter, der gerade keinen Wettkampf vor sich hat, ist das eine gute Gelegenheit für explorative Blöcke. Je näher der Wettkampftag rückt, desto mehr nutzt du die gesammelten Informationen für fokussierte Blöcke.
Manche Wettkampftermine sind lange im Voraus bekannt, andere erst kurzfristig. International startende Lifter haben meist einen recht festen Plan mit nationalen Meisterschaften und internationalen Wettkämpfen. Lokale Wettkämpfe tauchen dagegen oft kurzfristig auf. Dann musst du flexibel sein und dir manchmal eine kreative Strategie überlegen, damit der Lifter trotzdem bereit ist.
Planung ist hier wichtig. Das heißt nicht, dass du deine Trainingsblöcke vorab ausschreibst. Es geht um das Grundgerüst: Wie liegt deine Time to Peak, ob vier, fünf oder sechs Exposures, im Verhältnis zum Wettkampf? Ist der Wettkampf noch weit weg, kann zwischendurch einiges passieren, worauf du reagieren musst. Trotzdem solltest du im Blick behalten, dass deine Time to Peak bequem zu den Prioritätswettkämpfen passt.
Peter zeigt seinen eigenen Planer, eine Tabelle mit Startdatum, Wettkampfdatum, Taper-Art sowie der Länge von Entwicklungs- und Auswasch-Zyklen. Darunter stehen Woche für Woche das Datum und der Zyklustyp (Entwicklung, Pivot, Taper). So siehst du sofort, wie viele Blöcke du bis zum letzten Wettkampfvorbereitungsblock noch hast. Das hilft bei der Entscheidung, ob du noch explorativ arbeitest oder schon fokussierst, und ob du kreativ werden musst, um die Time to Peak passend zu legen.
Die Folie fasst zusammen: Sobald ein Wettkampftermin feststeht, ist es gute Praxis, die Blockfolge eher früher als später passend zu legen. Du willst nicht kurz vor dem Wettkampf einen Pivot verlängern oder einen verkürzten Block einschieben müssen. Mit Plan und Gerüst baust du stattdessen über die normale Abfolge Schwung auf und holst das Meiste aus dem Training, während der Wettkampf näher rückt.
“It’s usually good practice to try and get your time to peak lined up earlier rather than later.” Es ist meist gute Praxis, die Time to Peak eher früher als später passend zu legen. Peter Lucey
Passen Wettkampftermin und Blockfolge nicht zusammen, nennt die Folie fünf Möglichkeiten:
Ein Wettkampf im Februar wird relativ kurzfristig bekannt. Der Lifter hat eine Time to Peak von fünf Exposures, und bis zum Wettkampf passen keine drei vollständigen Entwicklungsblöcke mehr hinein.
Peters Lösung: Für einen Block standen nur zwei Wochen zur Verfügung. Also lief ein kürzerer Block, aber mit 2×-Frequenz, sodass trotzdem vier Exposures hineinpassten. Die volle Time to Peak wurde damit nicht erreicht, aber es war ein ordentlich produktiver Block. Danach kam der Pivot genau in der gewünschten Woche, und anschließend liefen wieder normale Entwicklungsblöcke. Weil das die beiden letzten Blöcke vor dem Wettkampf waren, wurden sie als fokussierte Blöcke angelegt.
Der Kern: Die Zeitachse wurde früh passend gemacht. Man sollte nicht bis zwei Blöcke vor dem Wettkampf warten, sondern dafür sorgen, dass die Time to Peak für den fokussierten Block vor dem Wettkampf sauber liegt.
Manchmal liegen Wettkämpfe nah beieinander, etwa bei einem international startenden Lifter, der zusätzlich nationale oder lokale Wettkämpfe macht, sei es freiwillig oder weil er sich qualifizieren muss. Dann gibt es Wettkämpfe mit höherer und niedrigerer Priorität. Braucht ein lokaler Wettkampf nur eine Qualifikationsleistung, die der Lifter leicht schafft, kann er dort ohne Peak antreten. Timing und Sequenz bleiben dann auf den Prioritätswettkampf später im Jahr ausgerichtet. Du richtest dich auf den Wettkampf mit der höchsten Priorität aus und nimmst die anderen unterwegs mit.
“Everyone has a plan until they get punched in the mouth.” Jeder hat einen Plan, bis er einen Schlag ins Gesicht bekommt. Mike Tyson, zitiert auf der Folie
Das Grundgerüst mit passender Time to Peak, von explorativ zu fokussiert, ist wichtig. Gerade wenn der Wettkampf noch Monate entfernt ist, kann aber vieles dazwischenkommen: eine Verletzung, ein geschlossenes Gym, unerwartete Reisen, eine sehr stressige Arbeitsphase oder ein unerwarteter Leistungseinbruch. Jeder Lifter erlebt irgendwann eine solche Störung seines Trainingsalltags.
Deshalb solltest du den Finger am Puls haben und mitbekommen, wie sich der Trainingsprozess entwickelt. Wenn etwas auftaucht, brauchst du Strategien, Ideen und Kreativität, um den Prozess am Laufen zu halten. Bei einer Verletzung kann es zum Beispiel nötig sein, den Pivot früher zu nehmen. Das lässt sich so einbauen, dass die Zeitachse zum Wettkampf trotzdem stimmt. Natürlich hängt viel von der Schwere der Verletzung ab. Eine Störung muss deinen Fortschritt auf den Wettkampf hin aber nicht komplett umwerfen. Flexibel bleiben und den Plan anpassen ist ein wichtiger Teil des Prozesses.
Laut Folie ist der Blockauswertungsprozess ein entscheidender Teil, um deine Reaktion auf verschiedene Entwicklungsblöcke zu verfolgen, und wichtig für die Abfolge deiner Blöcke hin zum Wettkampf. Peter zeigt als Beispiel das „Playbook“ eines seiner Athleten: eine Sammlung aus etwa 24 Blöcken, die schon gelaufen sind.
Pro Block steht darin:
Das Diagramm zeigt die Entwicklung: In explorativen Phasen geht es mehr auf und ab, näher am Wettkampf kommen wieder die fokussierten Blöcke. Über die Erkundung hinweg hat man herausgearbeitet, was bei diesem Lifter besonders gut funktioniert. In den letzten vier Blöcken gab es einen massiven Lauf mit guten Fortschritten, über die ganze Zeit eine klar steigende Kurve, und auch die Wettkampfleistungen sind schön mitgestiegen.
Mal war ein Block produktiver, mal weniger. Doch auch aus einem Block, der nicht gut lief, lässt sich viel lernen. Ein guter Block zeigt dir eine Strategie oder Belastungsbalance, die sehr produktiv ist. Ein schwächerer Block sagt dir vielleicht, dass diese Art von Belastung, diese Übung, dieses Protokoll oder diese Strategie nicht so wirksam war. Beides füttert den Prozess.
“Even blocks that may not in and of themselves go particularly well, there’s a lot to be learned from those blocks.” Selbst aus Blöcken, die für sich genommen nicht besonders gut laufen, kann man viel lernen. Peter Lucey
Peters Fazit: Mit solchen Methoden machst du aus deinen Blockauswertungen gezielte Entscheidungen über Strategien, Protokolle, Benchmarks und Entwicklungsübungen. Die Informationen gut zugänglich an einem Ort zu haben, ist ein sehr mächtiges Werkzeug.
Im Trainingsprozess fährst du eine Reihe von Entwicklungsblöcken und Pivot-Blöcken mit dem übergeordneten Ziel, deine bestmögliche Leistung in den Wettkampftag zu tragen. Hol aus den gesammelten Informationen so viel wie möglich heraus und mach daraus etwas, das du beim Schreiben des Trainings verwenden kannst. Achte darauf, welche Blockarten vor dem Wettkampf gut funktionieren, bis hin zum Greatest-Hits-Block, in den du alles Gute aus den bisherigen Blöcken packst. Dazu kommt eine solide Taper-Strategie.
Nach dem Wettkampf kannst du wieder in eine explorativere Phase wechseln, sofern nicht gleich der nächste Wettkampf ansteht. In dem Fall bleibst du eher im Fokus-Modus. Jedes Mal, wenn du in den Erkundungsmodus kommst, öffnet das Türen. Selbst einem sehr produktiven Reiz eine Pause zu gönnen, kann fruchtbar sein, und es kann Spaß machen, etwas ganz anderes zu verfolgen.
Peter beschreibt ein schönes Bild: Strategien, Protokolle und Übungen in explorativen Blöcken sind wie Kandidaten beim Vorsprechen für einen Platz im wichtigsten Entwicklungsblock bzw. im Block vor dem Wettkampf. Nimm zum Beispiel Pin-Kniebeugen: Sie müssen sich ihren Platz im letzten Block erst verdienen.
Dabei zählt nicht nur die Leistung in der Übung selbst. PRs in einer Hilfsübung sind meist ein gutes Zeichen, aber die eigentliche Frage ist: Hat sich das auf die Wettkampfübung übertragen? Hat sich die Wettkampfkniebeuge in diesem Zeitraum verbessert, und lag das an dieser Arbeit?
“It’s almost like they’re auditioning for spots in that main development block.” Es ist fast so, als würden sie für einen Platz in diesem wichtigsten Entwicklungsblock vorsprechen. Peter Lucey
Letzter Punkt: Wenn bestimmte Protokolle oder Strategien sehr gut funktionieren, kann es sinnvoll sein, diesen Reiz für den letzten Block vor dem Wettkampf aufzusparen, statt ihn zu oft einzusetzen. Tempowechsel-Blöcke und explorative Blöcke geben dir nicht nur mehr Optionen, sie halten das Bewährte auch frisch. Das alles sind Überlegungen, wenn du deine Blockstruktur anlegst.
Zitate aus der automatischen Abschrift des Videos; offensichtliche Transkriptionsfehler wurden behutsam bereinigt. Folienbilder aus dem Video, Zeitangaben gerundet.
In dieser Lektion geht es um General Physical Preparedness (GPP) und Conditioning: was beides im Powerlifting bedeutet, warum Athleten Belastbarkeit, Athletik und Koordination brauchen und fit genug für ihr Training sein müssen, wie du GPP und Conditioning programmierst, was du dabei vermeiden solltest, an welchen Signalen du erkennst, dass es Zeit dafür ist, und wie oft es ins Programm gehört.
Der Kursleiter eröffnet die Lektion. Er erinnert daran, dass das Thema schon in der allerersten Lektion des Kurses kurz angeklungen ist und er dort eine Vertiefung versprochen hat. Diese Lektion ist der Anfang davon. Ihr Ziel: lernen, was GPP und Conditioning sind, warum sie gerade für Powerlifter wichtig sind, und einige Grundlagen, wie man sie plant.
Als Referentin hat er Coach Mel gewählt. Sie ist die neueste RTS-Coachin, coacht aber schon recht lange und ist ebenfalls seit Langem bei RTS dabei. Sie ist ein bekanntes Mitglied der RTS-Training-Lab-Community. Besonders geeignet ist sie laut Kursleiter durch die Kombination ihrer Erfahrungen: Sie hat einen Hintergrund nicht nur im Wettkampf-Powerlifting, sondern auch im Gewichtheben, im CrossFit und in einigen Ausdauersportarten. Dazu kommt ein beeindruckendes Wissen in Trainingsphysiologie. Er selbst habe in Gesprächen mit ihr zu diesen Themen viel gelernt. Gerade die Verbindung aus eigener Erfahrung und Fachwissen mache sie ideal für dieses Thema.
Mel stellt sich als Coachin bei Reactive Training Systems vor und spricht über allgemeine körperliche Vorbereitung und Conditioning im Zusammenhang mit Powerlifting-Coaching und Trainingsplanung. Die Agenda auf der Folie:
General Physical Preparedness (GPP), also allgemeine körperliche Vorbereitung, sind im Powerlifting-Training Bewegungen und Protokolle abseits der Spezifität des Powerlifting-Trainings, die Belastbarkeit (Durability), Athletik und Koordination fördern.
“General physical preparedness as it relates to powerlifting training would be movements and protocols away from the specificity of powerlifting programming that encourage durability, athleticism and coordination.” Allgemeine körperliche Vorbereitung sind, bezogen auf Powerlifting-Training, Bewegungen und Protokolle abseits der Spezifität des Powerlifting-Trainings, die Belastbarkeit, Athletik und Koordination fördern. Mel
Conditioning ist die Entwicklung des sogenannten „kardiovaskulären“ Systems und der „Fitness“ mit dem Ziel von Erholung, Gesundheit und der Fähigkeit, das Training zu absolvieren, sich davon zu erholen und sich richtig an den Reiz des Powerlifting-Trainings anzupassen.
Das Motto für GPP steht auf der Folie: ein Fundament bauen und es dann nach Bedarf erhalten.
Powerlifter brauchen Kraft, Muskelmasse und Stabilität, um die drei Wettkampfübungen auszuführen. Diese Eigenschaften entstehen, indem man Muskeln fordert, damit sie sie während der Powerlifting-Bewegungen, also beim Maximalversuch in Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben, halten können.
Das Problem: Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben treffen nicht alle Muskeln gleich. Die Kniebeuge ist klar eine quadrizepsbetonte Übung. Der Weg von der tiefsten Position bis zur vollen Streckung fordert die Quadrizepsmuskeln am meisten und entwickelt sie damit am stärksten. Andere beteiligte Muskeln, etwa der Rumpf, werden nicht im gleichen Maß gefordert. Werden sie nicht gefordert, halten sie mit der Kraft der übrigen Muskeln womöglich nicht Schritt. Laut Folie können unterentwickelte Muskeln den Fortschritt bremsen.
Hinkt der Rumpf den Hauptbewegern hinterher, kann in der Kniebeuge Beinkraft verloren gehen. Kommt ein Lifter aus der tiefen Position und sein Rumpf kann nicht genug Spannung und Steifigkeit halten, um den Oberkörper gerade und fest zu halten, sieht man ein Zusammensacken oder ein Runden bzw. Überstrecken der Wirbelsäule. Durch diese Bewegung in der Wirbelsäule wird der Beinantrieb nur unzureichend übertragen, um den Lifter bis in den vollen Lockout zu bringen.
Fehlen einem Lifter Koordination, Ansteuerung und Stabilität in Latissimus und Rückenstreckern, opfert er beim Abheben der Hantel die Position der Wirbelsäule und zieht mit rundem Rücken. Ein runder Rücken führt nicht zwangsläufig zu einer Verletzung. Aber irgendwann im Zug muss die Wirbelsäule wieder gestreckt werden, und das passiert wahrscheinlich, fast immer, im Lockout. Manche Lifter haben in den Rückenstreckern die Kraft, die Wirbelsäule an der Hantel wieder aufzurichten. Die meisten tun sich damit schwer. Für sie ist es viel einfacher und nützlicher, die feste Position zu halten, die Wirbelsäule über Oberkörper und Rumpf koordiniert zu halten und sie nie zu verlieren. Arbeit für den oberen Rücken kann hier hervorragend helfen.
“If you don’t lose it, you don’t have to make it up at the end of the lift.” Wenn du sie nicht verlierst, musst du sie am Ende des Zugs auch nicht wieder aufholen. Mel
Manche Muskeln werden in den drei Wettkampfübungen also nicht genug gefordert, können aber den Fortschritt bremsen oder die Kraftübertragung behindern. Dann brauchen sie wahrscheinlich eigens dafür reservierte Zeit. Wenn gerade sie den Fortschritt hemmen, Verletzungen verursachen oder die Kraftübertragung von einer Muskelgruppe zur nächsten schwächen, werden sie ohne gezielte Arbeit kaum besser. Die Folie sagt dazu: Wird ein Bewegungsbereich nicht genutzt, hinkt die Kraft in diesem Bereich hinterher. Achte auf solche Bewegungsmuster, sie sind Warnsignale und Hinweise, diese Arbeit ins Programm aufzunehmen.
Diese Arbeit erfordert laut Folie oft sehr wenig Aufwand, um sie zu erhalten, und wird selten zum begrenzenden Faktor für den Fortschritt. Sie hilft außerdem, Athleten länger verletzungsfrei zu halten.
Zur Belastbarkeit gehört auch eine gewisse Widerstandsfähigkeit in der Bewegung, damit der Athlet seltener in technisch kompromittierte Positionen gerät. Ein Lifter kann durchaus ein Bankdrücken beenden, bei dem ein Arm vor dem anderen hochgeht oder bei dem er etwas Spannung im oberen Rücken verloren hat. Oder eine Kniebeuge, bei der er leicht in eine Good-Morning-Bewegung kippt; und viele Lifter haben beim Kreuzheben einen leicht runden Rücken. Aber je öfter ein Lifter in solche Positionen gerät, desto mehr setzt er sich dem Risiko einer Verletzung aus.
Es gibt also zwei Seiten: Einerseits willst du vermeiden, in solche Positionen zu kommen. Andererseits brauchst du ein gewisses Maß an Belastbarkeit, damit die Muskeln die Kraft und das Training haben, dich aus diesen Positionen herauszuholen oder den Versuch ohne Verletzung zu beenden. Mel weist darauf hin, dass Belastbarkeit in einer anderen Lektion ausführlicher behandelt wird. Sie spricht es hier an, weil GPP ihrer Erfahrung nach ein guter Weg ist, die athletische Belastbarkeit zu erhalten, und das hängt mit Verletzungsvorbeugung zusammen.
Als Coaches oder Athleten wissen wir, dass Spezifität wichtig ist, um die Fertigkeit im Sport zu entwickeln. Mel beobachtet aber, dass Athleten dabei verspannt, steif oder wund werden. Sie haben das Gefühl, den Zugang zu bestimmten Bewegungsumfängen zu verlieren, oder ihnen fehlt Schnelligkeit, der Zugang dazu, sich schnell zu bewegen.
Spezifität sieht im Powerlifting oft so aus, dass ein Lifter sehr viel Gewicht sehr langsam bewegt. Mel nennt das den Schwerpunkt auf später Kraftentwicklung (Late Rate of Force Development): Der Lifter kann im Verlauf des Versuchs Muskelfasern ansteuern und kontrahieren. Das Gegenstück ist Power, die Fähigkeit, sich sehr schnell zu bewegen, etwa beim Springen, Olympischen Gewichtheben oder Sprinten. Powerlifter bleiben meist auf der Seite der späten Kraftentwicklung, und mit der Zeit kann das an ihnen zehren: Sie fühlen sich nicht sehr athletisch.
Laut Folie hilft es Athleten, sich „athletisch“ zu fühlen, wenn sie unterschiedliche Arbeit machen, die andere Eigenschaften anspricht. Das stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und sorgt für eine gesündere Verbindung zum eigenen Körper. Ein Athlet, der steif ist, vielleicht nicht an seine Zehen kommt, keinen vollen Bewegungsumfang hat oder keine gute Reaktionszeit, hat wahrscheinlich nicht die beste Verbindung zu seinem Körper und nicht das beste Selbstvertrauen. Diese mentale Seite wirkt sich auf Situationen aus, in denen er Athlet sein muss oder Arbeit machen muss, die nicht spezifisch ist. Das kommt laut Mel vor allem bei Verletzungen häufig vor (siehe Abschnitt 13).
Die Folie sagt: Wer einen Athleten auf nur eine „Ausdrucksform“ seiner Fähigkeiten beschränkt, kann ihn dazu bringen, sich etwas „zerbrechlich“ zu fühlen. Konzentrierst du dich nur auf Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben und auf diese spezifische Form von Kraft, trifft ihn jede schwache Einheit und jeder Block, der nicht gut läuft, härter. Denn dann hängt seine Identität stärker daran, ein Athlet in Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben zu sein, statt ein fähiger Athlet, der Herausforderungen meistern kann.
“They’re going to be more tied to their identity as an athlete in a squat, bench and deadlift, rather than as an athlete that is capable, that can overcome challenges.” Ihre Identität hängt dann stärker daran, Athlet in Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben zu sein, statt ein fähiger Athlet, der Herausforderungen meistern kann. Mel
Es geht nicht darum, Experte zu werden. Aber zumindest ein Mindestmaß an schneller Bewegung und an verschiedenen athletischen Ausdrucksformen hilft dem Athleten, einen gewissen Stolz und Engagement zu empfinden. Laut Folie hilft es beim Engagement, Selbstvertrauen und Stolz zu erhalten, und diese Arbeit lässt sich als mentale Pause nutzen. Hat ein Athlet gerade einen Block mit den schwersten Gewichten und dem geringsten Volumen hinter sich, will er wahrscheinlich etwas anderes machen, um sich wieder wie ein Athlet zu fühlen. GPP ist dafür ein sehr gutes Werkzeug.
Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben sind „Compound“-Bewegungen: Sie beanspruchen viele Muskeln und sind darauf angewiesen, dass viele verschiedene Muskeln zusammen die Bewegung ausführen. Deshalb hängen sie von der Koordination dieser Muskeln ab, die in bestimmten Positionen mit günstiger Hebelwirkung arbeiten müssen.
Diese Koordination ist laut Folie nicht immer instinktiv, besonders wenn ein Lifter in seiner Jugend wenig Training oder Sport gemacht hat. Kommt jemand zum Powerlifting, der den Großteil seines Erwachsenenlebens eher sitzend verbracht hat, braucht er wahrscheinlich Hilfe, um diese Kontrolle und die Verbindung zu seinem Körper und seinen Muskeln zu entwickeln. Seine Propriozeption ist vermutlich etwas unterentwickelt. Andere Athleten haben Football gespielt, Turnen oder Mannschaftssport gemacht. Für Lifter ohne gute Grundlage darin, wie man sich bewegt, kann GPP außerordentlich nützlich sein.
Sagst du einem Lifter ohne Gym-Erfahrung beim Aufbau zum Kreuzheben „spann deinen Latissimus an, um fest zu werden“, weiß er erstens nicht genau, wo sein Latissimus ist, und zweitens nicht, wie sich das anfühlt. Er hat keine klare Vorstellung davon, was du ihm sagen willst, weil er die nötige Sprache noch nicht entwickelt hat.
Ohne zu verstehen, wie und wo er sich bewegen kann, ist laut Folie seine Technik womöglich inkonsistent und Technikänderungen fallen schwer, weil ihm die Fähigkeit fehlt, sich so anzupassen, wie du es brauchst. Für ihn heißt Kniebeugen: Hüfte runter, Hüfte hoch, aufstehen. Ein erfahrener Lifter weiß dagegen, wie er die Füße verwurzelt, die Knie führt, Atmung und Bracing einsetzt, Rumpf und Latissimus schön angespannt hält, die Hantel greift und eine Blickrichtung hat. Die Ausführung einer Kniebeuge ist bei einem Elite- oder fortgeschrittenen Lifter viel feiner abgestimmt als bei einem Anfänger. Und Spezifität allein, also die Kniebeuge immer wieder zu üben, behebt nicht all diese fein abgestimmten Koordinationspunkte. Dabei musst du den Athleten anleiten.
GPP kann helfen, diese „Sprache der Ausführung“ aufzubauen. Laut Folie macht ein entwickeltes Koordinationsgefühl Cues wirksamer. Wenn du das Bewegungsmuster eines Lifters ändern willst oder er einen bestimmten Muskel spüren soll, weiß er dann, wie sich das anfühlt.
Ein Lifter war frisch im Land, Englisch war seine Zweitsprache, und ihm fehlte die Sprache, um Atmung und Bracing zu verstehen. Er wusste, dass er bei der Kniebeuge runter und hoch muss, weil er es beim Vorzeigen gesehen hatte, verstand aber nicht, wie er sich fest macht. Die üblichen verbalen Cues wie „tu so, als würdest du gleich einen Schlag abbekommen“ halfen nicht.
Mels Lösung: Sie zeigte ihm, wie man mit einer Kettlebell in Goblet-Position von einer Kante springt und sich bei der Landung nicht bewegen lässt. Die Kettlebell will einen nach vorn ziehen und bewegen. Mel landete sehr fest und ging dann in die Kniebeuge. Beim ersten Sprung zog die Kettlebell ihn nach unten, und sie konnte sagen: „Nein, bleib fest.“ Beim zweiten Sprung hielt er sich schon besser, weil er nun ein klares Muster hatte, und bekam ein deutlicheres Bild davon, wie sich Festigkeit anfühlt. Nach ein paar Sprüngen war er an der Langhantel viel besser darin, den Oberkörper ruhig zu halten, weil diese Bewegung durch eine äußere Herausforderung gefordert worden war.
Solche nicht spezifische Bewegung hilft, die grundlegende Sprache zu schaffen, die ein Lifter für Technikänderungen und für Bewegungen braucht, die von Können und Technik abhängen. Hat er diese Sprache, merkt er laut Folie, wenn er technisch abweicht, und kann während des Versuchs achtsamer mit seinen Bewegungen umgehen. Dann wird auch seine Kommunikation mit dir viel besser: Er kann dir deutlich nützlichere Informationen geben, die deine Programmierung leiten. Langfristig ist das sehr wertvoll.
Bevor du GPP programmierst, bestimmst du den Bedarf. Die Folie nennt drei Fälle:
Du musst dich nicht haargenau an diese Kategorien halten. Die Programmierung kann in jede davon ein wenig hineinreichen. Sie sind aber eine gute Grundlage, die dir eine Richtung gibt.
Diese Art von Programmierung zielt auf Muskeln, die nicht die Hauptbeweger der drei Wettkampfübungen sind, deren Ausführung aber behindern können, wenn sie in der Kraft zu weit zurückliegen.
Hypertrophiearbeit, besonders für das Schultergelenk: Das Schultergelenk ist ein Kugelgelenk in einer sehr flachen Pfanne. Dadurch hat es viel Bewegungsumfang, ist aber stärker auf die stabilisierenden Muskeln der Schulter angewiesen, um die Spannung zu halten. Mel hatte Lifter, die mit Schulterverletzungen vom Bankdrücken oder anderen Bewegungen zu ihr kamen. Zeit und Aufwand in Schultermasse und Schulterstabilität zu stecken, bringt einen sehr guten Ertrag.
Ein Athlet kam mit einer Schulterverletzung zu ihr, die ihn daran hinderte, Bankdrücken mit viel Volumen zu machen. Sie programmierte viel Hypertrophiearbeit: Kurzhantel-Military-Press, Seitheben, die typische Bodybuilding-Arbeit. Ziel war nicht nur Stabilität, sondern gezielt Masse rund um das Gelenk aufzubauen. Begonnen hatten sie im März. Im September hatte er die Verletzung eine Weile nicht mehr erwähnt, also fragte Mel nach, wie sich die Schulter anfühle und ob bestimmte Bewegungsmuster sie noch reizten. Seine Antwort: Er hatte völlig vergessen, dass er an der Schulter überhaupt verletzt gewesen war.
In den ersten drei Monaten lag viel Arbeit darauf, und seitdem spielt die Schulter in der Programmierung keine Rolle mehr. Mel hat als Coachin viel mehr Freiheit, Entscheidungen zu treffen, ohne an die Verletzung denken zu müssen.
“He checked in and said, I had forgotten completely that I was ever injured in the shoulder at all.” Er meldete sich und sagte, er habe völlig vergessen, dass er überhaupt jemals an der Schulter verletzt war. Mel
Lange um eine Verletzung herum zu programmieren, ist für Coaches sehr mühsam und kann ein großer begrenzender Faktor sein. Mel will nicht sagen, dass gezielte Arbeit an einem schwachen Muskelbereich oder Gelenk das Problem „behebt“. Aber wenn es dadurch keine Programmierentscheidungen mehr bestimmt, eröffnet das viel mehr Freiheit in der künftigen Planung. Für die Schulter machten sie Hypertrophiearbeit mit viel Tempoarbeit im Wiederholungsbereich von 8 bis 15, auch wenn Hypertrophie tiefer gehen kann. Diesen Bereich findet Mel sehr lohnend, und er ist etwas anderes als die Hauptübungen und damit eher eine mentale Pause.
Rumpfarbeit teilt Mel in zwei Kategorien:
Oberer Rücken: Mel mag hier 8 bis 12 Wiederholungen bei Klimmzügen, Rudern und Flys. Es gibt vertikale und horizontale Zugbewegungen, und beide braucht es für Stabilität. Bei Klimmzügen ging sie schon bis zu 20 Wiederholungen, besonders bei Athleten ohne sportlichen Hintergrund. Das ist ein sehr unangenehmer Wiederholungsbereich, aber sie schätzt daran, dass Ausdauer und Haltearbeit über lange Zeit trainiert werden. Das überträgt sich gut auf Kreuzheben und Kniebeugen, besonders beim Sumo-Kreuzheben, wo ein Lifter manchmal bis zu 16 Sekunden zieht. Das ist viel Druck auf den oberen Rücken, die Spannung zu halten.
Hier denkt Mel in zwei Kategorien: nicht sportspezifisch und nicht bewegungsspezifisch.
Nicht sportspezifisch: Powerlifting ist der Ausdruck später Kraftentwicklung und maximaler Kontraktionskraft. Das Gegenteil sind Sportarten mit sehr explosiver früher Kraftentwicklung (Early Rate of Force Development), also Gewicht so schnell wie möglich zu bewegen und die Muskeln sehr schnell zu kontrahieren.
Nicht bewegungsspezifisch: Step-ups, Curtsy Lunges und Rotationsarbeit. Einseitige Bewegungen kommen in Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben kaum vor. Diese Übungen helfen gezielt, wenn du siehst, dass ein Lifter beim Heben schwerer Gewichte rotiert, etwa im Kreuzheben. Mit Kreuzgriff sieht man oft etwas Rotation. Taucht sie aber ohne Kreuzgriff auf, ist das wahrscheinlich ein Kraftunterschied zwischen beiden Seiten. Menschen sind nicht perfekt symmetrisch, eine Seite dominiert. Das spielt für die Ausführung kaum eine Rolle, bis es ins Bewegungsmuster durchsickert. Athletikarbeit mit einseitigem Schwerpunkt, bei der eine Seite ohne Hilfe der anderen arbeiten muss, kann diese athletische Koordination gut in den Werkzeugkasten des Lifters bringen.
Sei bei der Koordinationsprogrammierung auch erfinderisch, wie im Beispiel mit der Goblet-Kniebeuge: Der Lifter verstand Bracing nicht, weil er nicht wusste, wie es aussieht. Mit GPP und cleverer Bewegungsauswahl entwickelst du die Sprache dafür, was ein Lifter vermeiden soll, aber auch, worauf er hinarbeiten soll.
Klimmzüge und Langhantelrudern sind ein guter Weg, damit ein Athlet seinen Latissimus spürt. Manche bekommen die Verbindung beim Rudern aber trotzdem nicht hin. Und wer online coacht, kann kein taktiles Feedback geben, also nicht die Hand auf den Rücken legen und sagen: „Hier musst du es spüren.“ Dann ist Maschinenarbeit ein guter Weg, die Muskeln zu isolieren, mit denen der Lifter eine Verbindung aufbauen soll. GPP und Bodybuilding lassen sich hier als Koordinationsarbeit nutzen.
Du kannst einem Athleten drei Sätze à 10 Good Mornings programmieren, und er macht sie einen ganzen Block lang falsch, ohne es zu merken, weil er nicht weiß, wie sich die Ansteuerung von Gesäß und hinterem Oberschenkel anfühlt. Macht er sie den ganzen Block mit rundem Rücken und geht zu tief, profitiert er kaum davon.
Lässt du ihn vorher einen Zyklus einbeinige Hüftstreckung, B-Stance-Übungen oder sehr gezielte Übungen machen, auch mit Körpergewicht, lernt er: Bei Good Mornings darf das Becken nicht kippen und muss über den gesamten Bewegungsumfang fest bleiben. Ohne diese Information kann er seinen Körper nicht so in Position bringen, dass er nutzen kann, was du ihm programmierst. Und wenn er nicht merkt, dass etwas nicht funktioniert, kann es sein, dass deine Programmierung blockweise nicht richtig ankommt, weil dein Lifter es nicht besser weiß.
Gerade bei Liftern, die eher Anfänger sind, sorgst du also dafür, dass sie wissen, wie sich gute Ausführung anfühlt und wie sich schlechte anfühlt.
Tempoarbeit ist auch deshalb gut für die Koordination, weil Lifter eine Hantel sehr selten mit unsauberer Technik ablegen. Bringt Mel jemandem das Kreuzheben bei, der es noch nie gemacht hat, lässt sie ihn die Hantel aufnehmen und dann bewusst einen sauberen Hantelweg nach unten nachzeichnen. Hat er den Weg nach unten nachgezeichnet, versteht er leichter, wie sich ein sauberer Hantelweg anfühlt. Langsames Absenken belastet die Gelenke außerdem nacheinander. Auch bei der Kniebeuge spürt der Lifter beim langsamen Absenken die Koordination der Muskeln durch die verschiedenen Tiefen sehr genau.
Ein Hinweis zur Tempo-Kniebeuge: Achte darauf, dass der Lifter nicht auf Waden und hinteren Oberschenkeln „sitzt“. Lass ihn die Pause oberhalb der Stelle halten, an der er auf seinen Muskeln aufliegt. Das bringt die Quadrizeps zum Glühen, und er spürt die Herausforderung, fest zu bleiben und die Position zu halten. Genau dadurch versteht er, wie sich Positionierung anfühlt.
Koordinationsarbeit ist laut Mel ein großes Thema für Anfänger und für Lifter, die neu ins Powerlifting kommen. Die Mehrgelenksübungen sind recht komplex, und Arbeit an diesem Fundament kann sie auf Erfolgskurs bringen.
Das Motto für Conditioning: Lass es nicht zum begrenzenden Faktor werden.
Athleten müssen fit genug sein, um die Arbeit zu leisten, und hier kommt Conditioning ins Spiel. Auf die Stoffwechselwege geht Mel nicht ein. Im Kern brauchen Athleten Treibstoff und Erholung, um Training und Powerlifting-Programme zu absolvieren. Das Kreislaufsystem liefert den Treibstoff, und der Treibstoff ermöglicht es den Muskeln zu kontrahieren.
“If there is no fuel, there’s no contraction, there’s no expression of strength, there’s no movement.” Ohne Treibstoff gibt es keine Kontraktion, keinen Ausdruck von Kraft, keine Bewegung. Mel
Du brauchst also ein einigermaßen entwickeltes Kreislaufsystem, um die Grundmenge an Treibstoff für das Training bereitzustellen, und zwar zwischen Sätzen, Wiederholungen und Einheiten.
Es geht nicht darum, Ausdauerathlet zu werden. Aber entwickeltes Conditioning ist ein sehr nützliches Werkzeug, um mit Zeitlimits besser zurechtzukommen, und es verhindert den Fall, dass das Conditioning so schlecht ist, dass nicht einmal genug Arbeit für eine Kraftanpassung möglich ist.
Laut Folie können Athleten mit gutem Conditioning außerdem Muskeln reparieren und erhalten, während sie sie beanspruchen. Spürt ein Athlet eine relativ normale Einheit noch mehrere Tage danach, obwohl Ernährung und Schlaf stimmen, erleichtert Conditioning-Arbeit die Erholung: Das Herz-Kreislauf-System kann dann Nährstoffe und Treibstoff zu den Muskeln bringen, die bei der Erholung helfen.
Nicht speziell fürs Powerlifting, aber Conditioning verbessert die Langlebigkeit: Bewegung hilft dir, länger zu leben. Laut Folie ist Kraft der wichtigste Faktor für die Sterblichkeit; Mel nennt Griffkraft als den stärksten Zusammenhang, den wir mit der Gesamtsterblichkeit kennen. Aber fit genug für Krafttraining zu sein, erfordert ein Grundniveau an Conditioning.
Und schließlich kann Conditioning etwas Meditatives haben und das Nervensystem beruhigen. Athleten, die nach einer Krafteinheit schwer herunterkommen, kann Conditioning helfen, sich zu beruhigen (mehr dazu in Abschnitt 14).
Kraftathleten wählen Conditioning oder „Cardio“ selten freiwillig als Erstes. Mel spricht deshalb mit dem Athleten und fragt, was ihm leichtfällt und was er gern machen würde. Das Maß an Conditioning, das ein Athlet braucht, um die Arbeit zu leisten und sich davon zu erholen, ist nicht so hoch, dass die Ausführung perfekt sein müsste.
“An athlete adhering 100% to a good conditioning program is better than an athlete adhering 20% to the perfect conditioning program.” Ein Athlet, der sich zu 100 % an ein gutes Conditioning-Programm hält, ist besser als einer, der sich zu 20 % an das perfekte Conditioning-Programm hält. Mel
Mel arbeitet bewusst nicht mit der Herzfrequenz, weil diese Information nicht zuverlässig zeigt, was wir sehen wollen. Sie hat Athleten, die 40 Minuten recht anstrengend Rad fahren und deren Herzfrequenz im mittleren Bereich bleibt, die dann aber einen Hügel hochgehen und plötzlich eine sehr hohe Herzfrequenz haben. Eine erhöhte Herzfrequenz zeigt also nicht genau die Anpassung an, die wir wollen. Stattdessen nutzt sie drei Kategorien:
Für einen Athleten im Pivot kannst du programmieren: 10 Bulgarians pro Seite, 10 Med Ball Cleans, 10 Strict Press, und dann so viele Runden wie möglich. Bis der Athlet wieder bei den Bulgarians ist, haben sich die Beine gerade genug erholt, um sie wieder ausführen zu können. Durch Bewegungen für verschiedene Muskelgruppen nutzt du die Erholung zwischen den Bewegungen. Die Herausforderung: Nach 13 Minuten findet der Lifter die Bulgarians sehr schwer. Genau das entwickelt das Conditioning.
Tabata ist die kürzeste Zeit, LISS die längste. Willst du kürzer arbeiten, musst du mehr Anstrengung hineinstecken, und es wird härter. Gehst du in den längeren Zeitbereich, kannst du bei leichter Arbeit bleiben, musst aber länger dranbleiben. Ausdauer- und Conditioning-Athleten probieren meist alle drei und arbeiten in allen dreien, um verschiedene Aspekte des Conditionings zu trainieren. Im Powerlifting gilt:
Mental gilt: Je kürzer der Zeitrahmen, desto schwerer ist die Arbeit. Mels Beispiel ist das 2.000-Meter-Rudern: Es landet je nach Athlet bei etwa fünf bis sieben Minuten und ist eines der mental schwierigsten Workouts, die ein Athlet machen kann.
GPP und Conditioning lassen sich in der Off-Season kombinieren. Hat ein Lifter gerade einen Wettkampf hinter sich, also eine Phase mit der spezifischsten Arbeit, die er für eine Weile machen wird, ist das neben explorativen Blöcken eine gute Zeit, um andere Sportarten auszuprobieren. Laut Folie lassen sich so GPP und Conditioning gleichzeitig entwickeln. Er soll darin kein Experte werden. Mels Liste:
All das sind schöne mentale Pausen in der Zeit direkt nach einem Wettkampf, die viele GPP- und Conditioning-Bedürfnisse auf einmal abdecken. Und weil der Athlet eine Weile weg von der spezifischen Arbeit ist, die er am liebsten macht, hat Mel erlebt, dass Athleten hungrig aufs Krafttraining zurückkamen und bereit waren, den nächsten Block ernst zu nehmen. Diese kleine Pause wirkt sich stark darauf aus, wie sehr sie sich auf den nächsten Block einlassen. Das ist besonders wertvoll bei Liftern auf Elite-Niveau, die viel Arbeit leisten müssen und bei denen alles perfekt zusammenpassen muss, damit sie Fortschritte machen.
“It’s almost like filling up on bread before you get your steak.” Das ist fast so, als würdest du dich an Brot satt essen, bevor dein Steak kommt. Mel
Wir wollen, dass unsere Athleten das meiste an Ausführung, mentalem Einsatz und Ressourcen in die Arbeit stecken, die den besten Ertrag für Fertigkeit und Kraft bringt. Läuft diese Arbeit gleichzeitig mit einem ernsthaften Trainingsblock, behalte laut Folie die Konflikte im Blick:
Mel lebt in einer Gegend mit vielen Bergen. Beim Abstieg werden die Quadrizeps stark exzentrisch belastet, eine große Wanderung kann also viele Muskelschäden verursachen. Muskelschäden beeinträchtigen die Wiederauffüllung des Glykogens, und Glykogen ist ein Treibstoff, der für die Kontraktion gebraucht wird. Ihr Rat: Nach einer großen Wanderung am Wochenende nicht direkt Beine programmieren, oder der Lifter meidet Wanderungen mit vielen Höhenmetern, während er Krafttraining macht. Das erfordert Kommunikation mit dem Athleten und dass er die Absicht hinter der Programmierung versteht.
Gemeint ist zum Beispiel Tabata-Arbeit, oder wenn du einen Athleten seine Bizepscurls als AMRAP machen lässt. Das hat seinen Preis und ist schwerer zu erholen als Arbeit knapp darunter, bei 3 RIR bzw. RPE 7. Geht ein Athlet ans Limit, ist das sehr nah daran, das Krafttraining zu stören, und es kommt zu einer Kollision.
Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben haben einen körperlichen und einen mentalen Preis, und beides sind begrenzte Ressourcen. Hat ein Athlet einen stressigen Job und ein Leben, das ihn auch mental stark fordert, reicht seine Kapazität vielleicht nur für die mentale Konzentration auf die drei Wettkampfübungen. Dann ist GPP mit viel Koordinationsanspruch womöglich nicht das richtige Werkzeug. Programmierst du komplizierte GPP-Arbeit und der Lifter hat nicht die mentalen Ressourcen dafür, sickert das in die drei Wettkampfübungen durch.
An welchen konkreten Zeichen erkennst du als Coach, dass du GPP und Conditioning ins Programm holen solltest? Die Folie nennt drei:
Das Schöne an GPP und Conditioning ist eine gewisse Schonfrist: Siehst du diese Zeichen, heißt das nicht, dass du sofort programmieren musst. Es sollte aber in den nächsten Wochen in deine Überlegungen einfließen.
Deine Athleten melden sich bei dir, und du solltest aufmerksam sein, wenn ein Athlet etwas mitteilt, das sich nicht direkt auf das gerade absolvierte Training bezieht. Zum Beispiel: Das Training ist gerade richtig hart; meine Begeisterung fürs Training hat nachgelassen; ich fühle mich steif und wund; ich bin unmotiviert; Disziplin, die früher leichtfiel, fällt jetzt schwer. Auf solche Dinge solltest du als Coach hören.
“If an athlete’s making the effort to communicate this information to you, they probably think it’s useful for you to know.” Wenn sich ein Athlet die Mühe macht, dir das mitzuteilen, hält er es vermutlich für nützlich, dass du es weißt. Mel
Erzählt dir ein Athlet so etwas, das du mit einem der besprochenen GPP- oder Conditioning-Mittel angehen kannst, denkt er offenbar, dass es angegangen werden sollte. Als Coaches wollen wir immer auf unsere Athleten hören: Sie sind die Autoritäten und Experten für ihren eigenen Körper. Wenn sie denken, dass etwas nicht stimmt, sollten wir zuhören, es zumindest anerkennen und sie zu einer Lösung führen. Natürlich gibt es Zeiten, in denen ein Athlet einfach durchmuss. Aber es sollte dich dazu bringen, es auf deine Einkaufsliste für die Programmierung zu setzen, vielleicht nach einem sehr intensiven Block.
Wie viel davon soll ins Programm? Die Folie nennt drei Situationen:
In einer ruhigen Phase, in der ein Athlet nach einem Wettkampf zurückfährt, kommt er mit weniger spezifischer Arbeit aus als sonst. GPP und Conditioning sind dann eine sehr gute mentale Pause. Unspezifische Arbeit fühlt sich für einen Athleten, der gerade die schwerste Arbeit seines Lebens gemacht hat, sehr belebend an.
Darüber hinaus kommt sie nach Bedarf in Pivots hinein, um die Erhaltungsdosis an GPP und Conditioning zu treffen. Das passt besonders in Pivots, die weiter von den Blöcken vor einem Wettkampf entfernt sind, weil es dort die anderen Aspekte des Pivots nicht stört. In Pivots näher am Wettkampf soll der Krafterhalt oberste Priorität haben. GPP, Conditioning und Training anderer Muskelgruppen gehören eher in die Pivots und Blöcke weiter weg davon.
Laut Folie verlieren verletzte Athleten leicht die Motivation, wenn sie nicht die Arbeit machen können, die sie bevorzugen, und GPP und Conditioning können einen Ertrag bringen, wenn die Wettkampfübungen nicht möglich sind. Kann ein Athlet eine oder alle drei Wettkampfübungen nicht machen oder verhindert eine Verletzung, dass er maximale Kraft zeigt, ist es ein großer Gewinn, ihn für GPP- oder Conditioning-Arbeit in die Pflicht zu nehmen. Das spricht seine Identität als Athlet an.
Als Coach musst du dem Athleten helfen, wieder ins Gym zu kommen und etwas zu tun, nur weil er gerade nicht Kreuzheben kann: Kannst du rudern? Brustgestütztes Rudern? Klimmzüge? Mach ihm klar: Wenn er zwei Wochen nicht Kniebeugen oder Kreuzheben kann und in diesen zwei Wochen GPP oder sonst machbare Arbeit leistet, steht er danach viel besser da. Die zwei Wochen vergehen so oder so. Arbeite an seiner Seite: Was kannst du machen, was fühlt sich gut an? Verschlimmert das die Verletzung? Hat der Physiotherapeut diesen Bewegungsumfang freigegeben? Spürst du hier Schmerzen?
“Injury isn’t a time where you sit back and ask when does the PT say it’s okay to do the big three again.” Eine Verletzung ist keine Zeit, in der du dich zurücklehnst und fragst, wann der Physiotherapeut die drei Wettkampfübungen wieder erlaubt. Mel
Schon ein vorbereiteter Fundus an GPP- und Conditioning-Optionen für den Fall einer Verletzung kann deinen Nutzen als Coach für den Athleten deutlich festigen. Vielen Liftern hat es geholfen, einfach im Gym aufzutauchen. Ihnen zu sagen, dass diese Arbeit nützlich ist und sich überträgt, wenn sie die drei Übungen wieder machen können, stärkt ihre Identität als Athlet und hält die mentale Seite stabil. Denn die ist während einer Verletzung sehr zerbrechlich: Die ganze Identität als Powerlifter wird infrage gestellt, wenn man die drei Übungen, die man liebt, nicht machen kann. Unspezifische Arbeit kann so der Langlebigkeit im Sport dienen, denn eine Verletzung ist ein Zeitpunkt, an dem ein Athlet sehr leicht ganz aufgibt.
Lifter ohne starken sportlichen Hintergrund profitieren laut Folie sehr davon, eine Grundlage aufzubauen. Wenn so ein Lifter bei dir landet und ein Programm braucht, wirst du hier wahrscheinlich am meisten GPP und Conditioning einsetzen. Steht die Grundlage, braucht es meist nur noch Erhaltungsdosen, wie erwähnt in Pivots und ruhigen Phasen.
Zitate aus der automatischen Abschrift des Videos; offensichtliche Transkriptionsfehler wurden behutsam bereinigt. Folienbilder aus dem Video, Zeitangaben gerundet.
In dieser Lektion geht es darum, Training so zu steuern, dass das Verletzungsrisiko sinkt: was Belastbarkeit (Durability) und Verletzung im Kurs bedeuten, welche Risikofaktoren fest und welche veränderbar sind, warum die Verletzungsvorgeschichte zählt, an welchen Warnsignalen du eine drohende Verletzung erkennst, welche vorbeugenden Maßnahmen helfen und was zu tun ist, wenn es doch passiert. Zum Schluss zeigt Kenny drei echte Fälle aus seiner Praxis.
Der Kursleiter eröffnet die Lektion. Er erinnert an die erste Lektion, die er in diesem Kurs gehalten hat: Dort ging es um den Umgang mit Verletzungen und darum, sie zu vermeiden. Diese Lektion liefert viel von dem Material, mit dem das wirksam gelingt. Belastbare Athleten aufzubauen, sie zu überwachen und riskante Situationen zu vermeiden, ist für die Entwicklung eines Athleten sehr wichtig.
Trainingszeit, die durch eine Verletzung verloren geht, ist für alle Beteiligten miserabel. Sie hält dich zurück, schränkt kurzfristig deine Möglichkeiten ein und macht weitere Verletzungen auf lange Sicht wahrscheinlicher. Daran ist nichts Gutes. Deshalb haben drei Dinge oberste Priorität: die Belastbarkeit verbessern, die Athleten genau beobachten und Verletzungen vermeiden, wo es möglich ist.
“Training time lost to injury is miserable for everyone. It’s not what we want. It holds us back.” Trainingszeit, die durch Verletzungen verloren geht, ist für alle miserabel. Das wollen wir nicht. Es hält uns zurück. Der Kursleiter
Für dieses Thema ist Coach Kenny Allen die naheliegende Wahl. Er ist Doktor der Physiotherapie (Doctor of Physical Therapy, DPT). Dazu bringt er umfangreiches Wissen als Powerlifting-Coach mit, sowohl als Wettkämpfer als auch als Trainer. Er hat Einzelpersonen und große Teams betreut, online und vor Ort, bis hin zur Betreuung am Wettkampftag auf nationaler Ebene. Seine spezielle Ausbildung gibt ihm besondere Einblicke darin, wie man Training für Powerlifting steuert, wie man Verletzungen vermeidet, wo es geht, und was man tut, wenn sie da sind.
Der Kursleiter betont: Kenny ist niemand, der dich nur ein paar Dehnübungen mit dem Band machen lässt. Falls man dort anfängt, bleibt man dort jedenfalls nicht stehen. Es geht nicht um Physiotherapie für Menschen, die sich wenig bewegen, sondern darum, Athlet zu sein und die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln: nach einer Verletzung in den Sport zurückzukehren und, aus evidenzbasierter Sicht, Verletzungen von vornherein zu vermeiden und mit ihnen umzugehen, wenn man doch in Schwierigkeiten gerät.
Kenny stellt sich danach selbst kurz vor: Er hat seinen Abschluss als Doctor of Physical Therapy an der University of Wisconsin, Madison, gemacht.
Das Lernziel steht auf der Folie: Du sollst lernen, Training so zu steuern, dass das Verletzungsrisiko sinkt.
Kenny führt dich durch sechs Themen, die auch die Gliederung der Folien bilden:
Die Folie zitiert das Oxford Dictionary: Durability ist die Eigenschaft, lange zu halten, ohne zu brechen oder schwächer zu werden. Genau darum dreht sich die ganze Lektion. Powerlifting ist ein Sport, den man über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte betreibt. Die Belastbarkeit, um möglichst lange gesund zu bleiben und Fortschritte zu machen, ist deshalb entscheidend für deinen Erfolg.
“Powerlifting is a sport of years, if not decades.” Powerlifting ist ein Sport von Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Kenny Allen
Für Verletzung verwendet Kenny eine eigene Arbeitsdefinition: ein Zustand von Schmerz und/oder Funktionsstörung, der außerhalb dessen liegt, was für den Einzelnen normal ist, und der zu einer Änderung im Training führt.
Er räumt offen ein, dass diese Definition nicht perfekt ist. Einen kleinen Schnitt am Arm zum Beispiel, den man nach anderen Definitionen wohl als Verletzung zählen würde, deckt sie nicht ab. Er hat sie trotzdem gewählt, weil sie den Begriff im Powerlifting-Zusammenhang besser trifft und besser zum Vortrag passt. Wenn in dieser Lektion von Verletzung die Rede ist, ist diese Definition gemeint.
Die Folie teilt die Risikofaktoren in zwei Spalten:
Viele der festen Faktoren, die du nicht ändern kannst, erklären sich von selbst: Genetik, Alter und die bisherige Verletzungsgeschichte. Auf die Verletzungsgeschichte geht Kenny gleich noch ausführlicher ein (Abschnitt 5).
Die Lebensstilfaktoren stehen auf beiden Seiten, weil Kenny sie als halb veränderbar (semi-modifiable) sieht. Manches lässt sich nur schwer ändern: Wer zum Beispiel einen gefährlichen körperlichen Job hat, kann sich vielleicht einen neuen suchen, aber das kann Monate oder Jahre dauern, oder es gibt gar keine Möglichkeit, den Job zu wechseln. Anderes ist leichter veränderbar, etwa nahrhaftere Lebensmittel zu wählen oder einen besseren Schlafrhythmus zu entwickeln. Es kommt also darauf an, worum es genau geht.
“It would be better to ease into stuff that is truly very novel.” Bei Dingen, die wirklich sehr neu sind, ist es besser, behutsam einzusteigen. Kenny Allen
Die Verletzungsvorgeschichte (Injury History) solltest du erfassen, und zwar aus zwei Gründen:
“Once something is weakened, it’s a little bit more susceptible to re-injury.” Ist etwas einmal geschwächt, ist es etwas anfälliger für eine erneute Verletzung. Kenny Allen
Ein Weg ist ein Fragebogen, entweder bei der Aufnahme eines neuen Lifters (Intake) oder nachträglich (retroaktiv). Die Folie zeigt zwei Beispielfragen:
Die erste Frage eignet sich zum Beispiel für ein Google-Formular, wenn dir das liegt. Sie funktioniert aber auch gut als Gesprächseinstieg, wenn du lieber im Austausch mit deinem Lifter Informationen sammelst und dich damit wohlfühlst. Die zweite Frage ist wichtig, damit du davon weißt und weder deinen Lifter noch dich selbst ungewollt in Schwierigkeiten bringst, indem du Training verordnest, das angesichts seiner medizinischen Vorgeschichte nicht ganz passt.
Vorweg die unangenehme Wahrheit: Vollständige Vorbeugung ist unmöglich. Man kann nicht alles vorhersehen, manchmal passieren seltsame Dinge, und der Körper selbst ist manchmal seltsam. Trotzdem kannst du dein Bestes tun, um das Risiko zu minimieren, und dabei helfen Warnsignale.
“The unfortunate truth is that complete prevention of injury is impossible. … But we can still do our best to minimize the risk.” Die unangenehme Wahrheit ist, dass sich Verletzungen nicht vollständig verhindern lassen. Aber wir können trotzdem unser Bestes tun, um das Risiko zu minimieren. Kenny Allen
Die Folie nennt sechs häufige Warnsignale:
Die Folie gliedert die Vorbeugung in drei Bereiche:
Auf die Warnsignale aus Abschnitt 6 zu reagieren, hilft sehr. Wichtig ist, die Erwartung klar zu setzen: „Sag mir bitte sofort, wenn du zusätzliche Schmerzen hast.“ Manche Athleten gehen davon aus, dass sie sich einfach durchbeißen und tun müssen, was im Programm steht: „Ich darf meinen Coach nicht enttäuschen, ich muss dieses Gewicht schaffen.“ Am Ende sind sie verletzt, und niemand ist glücklich.
Das führt zu einem von Kennys Lieblingszitaten von Mike (auf der Folie „Mike T.“):
“Don’t let a spreadsheet tell you to do something dumb.” Lass dich nicht von einer Tabelle zu etwas Dummem verleiten. Mike T., zitiert von Kenny Allen
Wenn du in einen Satz gehst und denkst „Das wird nicht gut gehen, das ist nicht sicher, ich bin heute einfach nicht in der Verfassung für diese Belastung oder diese Übung“, dann ist das in Ordnung. Kennys Beispiel: Du bist auf der Treppe gestolpert, dein Knöchel tut jetzt richtig weh, und du hast nicht das Gefühl, sicher kniebeugen zu können. Du kannst um so etwas herum anpassen. Das Gewicht, die RPE, das Tempo oder sogar die Übung zu verändern, ist viel besser als eine Verletzung, selbst kurz- und mittelfristig betrachtet.
Berücksichtige die Verletzungsvorgeschichte und achte darauf, die betroffenen Bereiche nicht zu stark zu belasten. Achte auch auf die bisherige Übungsauswahl und Trainingsaufteilung (Split) des Lifters. Oft liefern sie Hinweise: Vielleicht verträgt jemand Kniebeuge- und Kreuzhebetage nicht direkt hintereinander, oder er braucht seine Bankdrücktage mit Abstand, damit der Ellbogen nicht zu schmerzen anfängt. Das ist völlig in Ordnung. Es fordert deine Kreativität heraus, damit der Lifter trotzdem genug produktiven Reiz bekommt, aber es muss angegangen werden.
Damit das alles funktioniert, müssen Coach und Athlet ihre Bedenken teilen und sehr gut kommunizieren. Nur so sind alle auf demselben Stand und der Lifter macht weiter Fortschritte.
Kenny beginnt mit dem großen Ganzen. Nachdem er sein Mitgefühl ausgedrückt und dem Athleten gesagt hat, dass es ihm leid tut, dass er Schmerzen hat, sagt er ihm als Erstes: Du wirst wieder gesund, du wirst heilen, und ich verspreche dir, dass ich dich auf jedem Schritt begleite. Er will, dass der Athlet sich das immer vor Augen hält. Manchmal lässt Kenny Athleten diesen Satz sogar selbst zu sich sagen.
Diese Überzeugung ist wichtig, um jeder Neigung zum Katastrophisieren entgegenzuwirken: „Oh nein, das schaffe ich nicht, ich werde nie wieder Powerlifting machen, ich falle ewig aus, ich verliere so viel Fortschritt.“ Solche Gedankenspiralen gilt es zu vermeiden.
“You will get better, you will heal, and I promise to be with you every step of the way.” Du wirst wieder gesund, du wirst heilen, und ich verspreche dir, dass ich dich auf jedem Schritt begleite. Kenny Allen
Als Nächstes sagt Kenny dem Athleten, dass es während der Heilung Schwankungen im Befinden geben wird. Insgesamt sollte der Trend in Richtung Besserung gehen, aber es wird schlechte Tage geben, an denen man denkt: „Was habe ich falsch gemacht? Ich dachte, ich mache alles richtig, und jetzt habe ich wieder starke Schmerzen.“ Da gibt es nichts zu verstehen. Das ist leider unvermeidbar. Man muss sich dessen bewusst sein, schlechte Tage als das nehmen, was sie sind, und wissen, dass sie sehr vorübergehend sind.
Das Ziel in dieser Phase ist: möglichst wenige Symptome, während man etwas ausführt, das der eigentlich geplanten Bewegung nahekommt. Vielleicht musst du kurz pausieren, das ist völlig in Ordnung. Aber es ist besser, eher früher als später wieder zu trainieren. Wenn das heißt, etwas sehr Unspezifisches zu machen, etwa Beinstrecken statt Langhantelkniebeugen, dann ist das in Ordnung. Dort fängst du an und arbeitest dich hoch: vom Beinstrecken über Ausfallschritte mit dem eigenen Körpergewicht, Beinpresse und Frontkniebeugen bis zur Langhantel-Kniebeuge, und du bist im Nu wieder auf dem normalen Stand.
“It would be better to train sooner rather than later.” Es ist besser, eher früher als später wieder zu trainieren. Kenny Allen
Die Belastung anzupassen ist meist das Mittel der ersten Wahl: am einfachsten und evidenzbasiert. Das kann auch vorbeugend geschehen. Sagt dir jemand „Ich bin ein bisschen verspannt, ein bisschen wund“, nimmst du seine Belastung vielleicht um etwa 10 % zurück. Ist es eine Reaktion auf eine Verletzung, kann die Anpassung sehr deutlich ausfallen, sogar 80 % weniger Gesamtbelastung, je nachdem, was der Lifter im jeweiligen Moment verträgt.
Du kannst das Training gezielt verändern: das Gewicht, die RPE, das Tempo, den Bewegungsumfang (ROM), die Übungsauswahl, wie oft du die Muskelgruppe oder Bewegung trainierst und so weiter. „Seltsam“ ist in Ordnung. In dieser Phase geht es nicht mehr ausdrücklich um Kraftzuwachs. Du willst etwas machen, das dem Ziel so nahe wie möglich kommt, aber die Symptome nicht auslöst.
Natürlich beobachtest du den Trend, genau wie beim Kraftaufbau, wenn du beurteilst, ob ein Protokoll produktiv ist. Dort schaust du auch nicht auf jede einzelne Einheit, sondern auf die Einheiten als Ganzes. Geht es mit jemandem insgesamt bergauf, gab es aber einen Tag, der richtig schlecht war, und danach ist er wieder auf dem normalen Stand, dann ist das in Ordnung: Er heilt trotzdem. Die Folie nennt außerdem, auf Plateaus zu achten.
Sei dir bewusst, wann du an die Grenzen deines Wissens stößt, und überweise, wenn nötig. Selbst Kenny als Physiotherapeut hat schon Zweitmeinungen von anderen Physiotherapeuten eingeholt, weil er in einer Situation war, die ihm nicht vertraut war, und das Gefühl hatte, an die Grenze seines Wissens zu kommen.
Alle drei Beispiele sind echt. Die Folie betont aber: Jede Verletzung ist anders. Deine Probleme können andere sein, und wie Kenny diese Fälle gelöst hat, passt vielleicht nicht zu deinen Bedürfnissen.
Laut Folie: Drei Wochen vor einem Wettkampf meldet ein Athlet neu aufgetretene, einseitige Hüftschmerzen bei der Kniebeuge. Er sagte Kenny: „Ich habe mit den Kniebeugen angefangen, ich weiß nicht genau, was passiert ist, es hat erst heute angefangen, aber meine linke Hüfte tut einfach weh. Was soll ich machen?“
Kenny ließ ihn in dieser Einheit die Last reduzieren und schauen, wie sich das Kreuzheben anfühlt. Für den Fall, dass das Kreuzheben Beschwerden macht, hatte er einen Ausweichplan mit anderer Zusatzarbeit parat. Das war aber nicht nötig.
In der nächsten Kniebeuge-Einheit ließ Kenny ihn ein paar verschiedene Fußstellungen ausprobieren, von denen er glaubte, dass sie bei den Hüftschmerzen helfen könnten, denn die Schmerzen traten nur ganz unten in der Bewegung auf. Mit dieser kleinen Anpassung und etwas Tempo, damit es unten keinen abrupten Richtungswechsel gab, ließen sich die Symptome innerhalb dieser Woche beruhigen. Der Athlet ging ohne Probleme in den Wettkampf und stellte persönliche Bestleistungen auf.
Laut Folie: Am Ende eines Blocks zieht sich ein Lifter beim Bankdrücken eine Brustmuskelverletzung zu, ohne Warnsignale. Es war ein Block voller Bestleistungen: die ersten drei Wochen nur PRs, auch die ersten Tage der vierten und letzten Blockwoche wieder nur PRs. In der vorletzten Einheit des Blocks kam die routinemäßige Einzelwiederholung im Bankdrücken bei RPE 7. Auf halbem Weg nach oben: eine sehr schmerzhafte Verletzung am Brustmuskel, die sich als Muskelzerrung herausstellte.
Über mehrere Wochen wurde das Training stark angepasst: mit Tempo, mit verkürztem Bewegungsumfang, mit sehr leichten Gewichten, teils nur mit der leeren Stange, und das nur ein paar Mal pro Woche. Von dort aus wurde aufgebaut, so wie der Lifter es vertrug und sich besser fühlte. Schließlich war er wieder bei voller Kraft und darüber hinaus.
Kenny hat dieses Beispiel bewusst gewählt, weil es keine Warnsignale gab. Manchmal ist das so: Nicht immer hätte man es kommen sehen und vorher anpassen können. Manchmal passieren zufällige Dinge, und du musst dich anpassen und weitermachen.
“Sometimes random things happen and you have to adapt and move on.” Manchmal passieren zufällige Dinge, und du musst dich anpassen und weitermachen. Kenny Allen
Laut Folie: eine hartnäckige Verletzung mit ungewöhnlichem Erscheinungsbild. Kenny hält es für das interessanteste Beispiel. Ein Lifter lief durch den ersten Block ganz normal. Im zweiten Block bekam er leichte Schmerzen vorn am Oberschenkel, etwa ein Drittel des Weges nach unten.
Sie versuchten, die Belastung zu reduzieren, und veränderten die Fußstellung bei der Kniebeuge etwas. Es änderte sich nichts. Sie probierten weitere Dinge, auch Änderungen an der Bewegung selbst, etwa mit Tempo und weniger Gewicht. Nichts half wirklich. Sie reduzierten die Belastung noch weiter und veränderten den Aufbau des Blocks, weiterhin ohne die gewünschte Wirkung.
Deshalb ließ Kenny den Lifter von einem anderen Physiotherapeuten untersuchen. Er wollte eine Zweitmeinung, ein zweites Paar Augen. Kenny selbst hatte wegen der Stelle an eine Tendinopathie gedacht, weil sonst nichts recht passte. Der zweite Physiotherapeut fand jedoch heraus, dass es eigentlich eine Rückenverletzung war, die sich als Schmerz an der Oberschenkelvorderseite zeigte: Ein Nerv war gereizt. Sobald das klar war, konnten sie gezielte Korrekturübungen anwenden und die Belastungsanpassungen fortsetzen. Inzwischen ist alles wieder gut, und beim nächsten Wettkampf gab es erneut persönliche Bestleistungen.
“Injury is not completely preventable. There is always a road back, though.” Verletzungen lassen sich nicht vollständig verhindern. Aber es gibt immer einen Weg zurück. Kenny Allen
Zum Schluss stellt Kenny eine Frage zur Diskussion: Was hat dir ein Coach, ein Freund, ein Arzt oder jemand aus dem Gym über Verletzungen gesagt, das dir im Gedächtnis geblieben ist? Er freut sich auf die Antworten im Training Lab.
Zitate aus der automatischen Abschrift des Videos; offensichtliche Transkriptionsfehler wurden behutsam bereinigt. Folienbilder aus dem Video, Zeitangaben gerundet.
In dieser Lektion geht es darum, wie du dich richtig und wirksam auf einen guten Wettkampftag hin zuspitzt: was das Ziel des Tapers ist, wie der traditionelle Taper, die Flip Week und der Flipped Taper aufgebaut sind und welche Stärken und Schwächen sie haben, welche äußeren Faktoren wie Wettkampftag, Reisen oder Gewichtmachen den Taper beeinflussen und wie du nach dem Wettkampf auswertest, ob dein Taper funktioniert hat.
Coach Peter stellt sich selbst vor und führt durch die Lektion. Es geht um das Tapern für den Wettkampf: um verschiedene Arten von Taper und um die übergeordneten Ziele, die du mit deinem Taper verfolgst. Ein Taper ist der kurze Block direkt vor dem Wettkampf, in dem du dich auf den Wettkampftag hin zuspitzt.
Das Lernziel lautet: lernen, sich richtig und wirksam auf einen guten Wettkampftag hin zuzuspitzen (zu „peaken“). Alles, was du in den Entwicklungsblöcken, den Pivot-Blöcken und im Vorlauf auf den Wettkampf erarbeitet hast, hängt am Ende davon ab, ob du diese Leistung, auf die du hingearbeitet hast und die du erwartest, auch am Wettkampftag selbst auf die Plattform bringst.
“The objective of the lesson here is to ultimately learn how to properly and effectively peak in for a good meet day performance.” Das Ziel dieser Lektion ist letztlich, zu lernen, wie du dich richtig und wirksam auf eine gute Leistung am Wettkampftag hin zuspitzt. Peter Lucey
Peter bespricht drei Hauptansätze zum Tapern:
Das übergeordnete Ziel des Tapers ist die Umsetzung deiner Leistung am Wettkampftag: am Tag des Wettkampfs die bestmögliche Leistung abzurufen. Die Folie ergänzt, dass ein solider Taper-Ansatz entscheidend dafür ist, die Zahlen tatsächlich zu erreichen, auf die du im Training hingearbeitet hast bzw. auf die dein Training hindeutet.
“The ultimate goal is to be able to realize the best performance possible on the day of the competition.” Das übergeordnete Ziel ist, am Tag des Wettkampfs die bestmögliche Leistung abrufen zu können. Peter Lucey
Wie du den Taper für dich oder deine Athleten angehst, sollte sich nach den Informationen aus dem Training richten. Dazu gehört auch die Einschätzung, wie frühere Taper-Strategien bei dir oder deinen Athleten funktioniert haben. Genau wie bei den Entwicklungsblöcken und den Pivots nutzt du die Informationen, die aus dem Trainingsprozess kommen, und schießt dich mit der Zeit auf einen Taper ein, der den Athleten am Wettkampftag in gute Verfassung bringt. So kann er seine Ziele erreichen und die Zahlen umsetzen, die er angepeilt bzw. auf die er hintrainiert hat.
Der traditionelle Taper ist der Stil, den die meisten am ehesten kennen. Wenn du eher mit Blockperiodisierung trainierst, ist das üblicherweise die Art von Taper, die du vor dem Wettkampf fährst. Einer der Gründe, warum er so verbreitet ist: Er kann sehr wirksam sein.
Peter betont, dass jeder Ansatz Stärken und Nachteile hat. Der Schlüssel ist, die Balance zu finden, wo du dir den größeren Vorteil versprichst, und jeder Lifter ist da ein wenig anders. Manche Eigenschaften des traditionellen Tapers passen zu einem Lifter besser als zu einem anderen. Es geht darum, deine Prioritätenliste abzuwägen und festzulegen, wo deine Taper-Strategie stehen soll.
Die Folie nennt: recht spezifisch, Gelegenheit, die geplanten Opener zu testen, Reduktion von Belastung und Volumen. Im Taper stehen also vor allem die Wettkampfübungen, du übst die Ausführung der Wettkampfübung selbst ausgiebig, und Volumen und Intensität sinken im Verlauf der Woche.
Ein Taper mit zwei Tagen:
4–5 Tage vor dem Wettkampf: Kniebeuge mit Gürtel: bis zum Opener hocharbeiten (x1 @7,5), keine Down Sets. Bankdrücken: x1 @8, dann 85 % x3 x2 (-8 %). Kreuzheben (Sumo) mit Gürtel: bis zum Opener hocharbeiten (x1 @7,5), keine Down Sets.
3 Tage vor dem Wettkampf: Kniebeuge mit Gürtel: 75 % x5, 4 Sätze. Bankdrücken: 85 % x3, 3 Sätze. Kreuzheben (Sumo) mit Gürtel: 75 % x5, 3 Sätze.
Das ist nicht die einzige Form: Solche Taper können auch drei oder vier Tage haben. Manche Lifter fahren besser damit, noch ein paar Einheiten näher am Wettkampf zu machen. Gäbe es hier einen dritten Tag, hätte er höchstwahrscheinlich einen niedrigeren Prozentsatz und eine geringere Gesamtbelastung. Die Belastung der einzelnen Tage sinkt also im Verlauf.
Weil der traditionelle Taper so spezifisch ist, bietet er die Gelegenheit, in der ersten Einheit die Opener (die ersten Versuche im Wettkampf) „herauszukitzeln“. Findet der Wettkampf zum Beispiel am Samstag oder Sonntag statt, wie die meisten Wettkämpfe, kannst du am ersten Taper-Tag deine Eröffnungsversuche erfühlen. Viele Lifter gibt das am meisten Zuversicht, und es ist eine Kontrolle des Plans für den Wettkampftag und der Opener. Notwendig ist das nicht, und du musst es nicht tun. Es kann aber viele Lifter beruhigen, wenn sie mit dem Wissen in den Wettkampf gehen, dass sich ihre Opener zu Beginn des Tapers gut bewegt haben.
“It can settle a lot of lifters in, being that they go into the competition knowing that their opening lifts moved well at the start of that taper.” Es kann viele Lifter beruhigen, wenn sie in den Wettkampf gehen und wissen, dass sich ihre Opener zu Beginn des Tapers gut bewegt haben. Peter Lucey
Je nachdem, wie du den Taper individuell aufbaust, kann nach dem Opener noch Back-off-Arbeit folgen oder nicht. Im Beispiel wird bis zum Opener hochgearbeitet, ohne Down Sets. Beim traditionellen Taper gibt es die Einteilung Taper High, Taper Medium und Taper Low. Hoch, mittel und niedrig beziehen sich auf die Menge an Belastung im Taper. Bei einem Taper Medium oder Taper High könnte es noch Back-off-Arbeit geben, etwa Doubles mit 80 % oder sogar 85 %, je nach Lifter, nach dem, was er braucht und worauf er gut reagiert.
Du willst die Balance treffen: Die Belastung soll sinken, aber du solltest dich davor hüten, zu viel zu früh wegzunehmen, sonst ist der Athlet bis zum Wettkampf womöglich schon etwas „stale“ (eingerostet, nicht mehr scharf). Es hängt also davon ab, an wie viel Trainingsbelastung der Athlet gewöhnt ist. Kurzfristig soll die Belastung zum Wettkampf hin sinken, aber du musst abwägen, wie viel du beibehältst. Mit verschiedenen Ansätzen und mit der Belastung im Taper zu experimentieren, ist deshalb ebenfalls wichtig.
“You want to be wary of dropping down too much too soon or the athlete might be a little bit stale by the time they get to the competition.” Du solltest dich davor hüten, zu viel zu früh zu reduzieren, sonst ist der Athlet bis zum Wettkampf womöglich etwas eingerostet. Peter Lucey
Im Beispiel gibt es beim Bankdrücken ein Single und danach Prozentarbeit. Auch dieses Single kann der Opener sein, den du austestest. Danach kommt das Kreuzheben, und am restlichen Tag folgt prozentbasierte Arbeit in den drei Hauptübungen. Das könnte genauso gut RPE-basiert sein, das Beispiel ist nur eine Möglichkeit.
Im Modell von Emerging Strategies ist die Flip Week die bevorzugte Methode, den Taper zu gestalten. Wie der traditionelle Taper hat sie Stärken und mögliche Nachteile, und auch hier geht es darum, die Balance zu finden zwischen deinen Prioritäten und dem, worauf der Athlet gut reagiert.
Die Folie nennt: in den Wettkampf hineintrainieren, die Arbeit an der Technikentwicklung beibehalten, die Peak-Exposure auf den Wettkampftag legen.
Angenommen, deine Exposures in den Wettkampfübungen liegen an Tag 1 und Tag 2: Tag 1 mit Wettkampfkniebeuge und Wettkampfbankdrücken, Tag 2 mit Wettkampfkreuzheben (oder umgekehrt), und an Tag 3 und 4 stehen eher deine Entwicklungsübungen (SDE). Dann drehst du die Woche um: Am Montag bzw. Tag 1 machst du die Einheit, die normalerweise an Tag 3 dran wäre, und am Dienstag die normale Einheit von Tag 4.
So bekommst du weiterhin deine Technikarbeit, setzt deine Protokolle fort und trainierst in den Wettkampf hinein, bewahrst aber deine Peak-Exposure in den Wettkampfübungen für den Wettkampftag. Wenn deine Time to Peak gut ausgerichtet ist, sollte das deine voraussichtlich beste Leistung sein. Danach folgen üblicherweise etwa drei Ruhetage, um die Gesamtbelastung kurzfristig vor dem Wettkampf zu senken.
“It’s more of a train into the meet type of approach.” Es ist eher ein Ansatz, bei dem du in den Wettkampf hineintrainierst. Peter Lucey
Es wäre nicht ungewöhnlich, dass du dich in Bezug auf die allgemeine Ermüdung etwas weniger „ausgewaschen“ fühlst, also am Wettkampftag nicht ganz so frisch. Die Leistung sollte aber sehr stark bzw. verlässlich sein. Das ist der Vorteil dieses Ansatzes.
Ein möglicher Nachteil: Manche Lifter reagieren empfindlicher auf Belastung. Bei ihnen kannst du einige Protokolle anpassen und die Belastung ein klein wenig senken, während sie trotzdem ihre Technik-Exposure bekommen. Je nach Lifter und je nachdem, wie stark du die Belastungsreduktion gegenüber der Technikarbeit gewichtest, kannst du hier ebenfalls eine Balance finden.
“You might feel a little bit that you’re not as fresh on meet day, but the performance should be very strong or reliable.” Du fühlst dich am Wettkampftag vielleicht etwas weniger frisch, aber die Leistung sollte sehr stark bzw. verlässlich sein. Peter Lucey
Montag (Tag 1): SDE für die Kniebeuge, die Low Pin Squat mit dem Protokoll aus dem Entwicklungsblock: x1 @8, x3 @9, plus 2 Down Sets (Lastabzug). Touch-and-Go-Bankdrücken: x1 @8, x6 @9, plus 3 Down Sets (Lastabzug). Dazu die SPE fürs Bankdrücken, Cambered Bar 1 Board Bench Press: x8 @6, x8 @7, x8 @8, plus 2 Down Sets (Wiederholung).
Dienstag (Tag 2): SDE fürs Kreuzheben, 2ct Pause Deadlift (Sumo): x1 @8, x3 @9, plus 2 Down Sets (Lastabzug). Eine weitere SDE fürs Bankdrücken, Bench Press with Slingshot: x1 @8, x3 @9, plus 2 Down Sets (Lastabzug). Dazu die SPE fürs Kreuzheben, Romanian Deadlift: x10 @7, x10 @8, x10 @9, keine Down Sets.
Die Wettkampf-Exposures sind für den Wettkampftag aufgespart. Ist der Wettkampf an einem Samstag, sind Mittwoch, Donnerstag und Freitag Ruhetage, und am Samstag trittst du mit deiner Peak-Exposure an.
Den Flipped Taper hat Peter für sich selbst mit der Zeit entwickelt, als Balance zwischen traditionellem Taper und Flip Week. Er ist auch aus der Situation entstanden, für einzelne Lifter einen sehr individuellen Taper einzustellen, und soll die Stärken beider Ansätze nutzen und einige ihrer Schwächen ausgleichen. Peter fährt solche Taper schon eine Weile und ist mit den Ergebnissen sehr zufrieden: Die Belastung sinkt, und die Athleten sind in der Lage, das zu erreichen, was sie erreichen sollen, gute Leistungen zu zeigen und gute Wettkampftage zu haben.
Die Folie nennt als Merkmale: Elemente von traditionellem Taper und Flip Week, Opener testen, Technikarbeit beibehalten.
Sonntag, Taper-Tag 1: Kniebeuge mit Gürtel: nur der Opener, 1 @7 (89,2 %). Direkt danach die SDE, Safety Bar Low Pin Squat: 3 @8, 3 @7, 3 @7. Bankdrücken: Opener 1 @7 (89,2 %), danach die SDE, Close Grip Bench Press: 6 @9, 6 @8, 6 @8. Dann der Opener im Kreuzheben (konventionell) mit Gürtel: 1 @7 (89,2 %).
Dienstag, Taper-Tag 2: weitere Elemente des Trainingsblocks, teils mit etwas reduzierter Belastung. Trap Bar Deadlift (konventionell): 1 @7, 4 @7, 4 @6, 4 @6. Dann die SDE fürs Bankdrücken, 2ct Pause Incline Bench: 4 @8, 2 @6, 2 @6, 2 @6. Dann die SPE, Safety Bar Squat: 10 @5, 10 @6, 10 @7. Dazu ein Platz für Rudern (auf der Folie Chest Supported Row: 6 @7, 6 @8, 6 @9).
Donnerstag, Taper-Tag 3 (zwei Tage vorher): eine leichte Technikeinheit. Kniebeuge mit Gürtel: 4 × 2 @5 mit 65 %. Bankdrücken: 4 × 2 @5 mit 70 %.
Samstag: Wettkampf.
Am ersten Taper-Tag hast du die Gelegenheit, die Opener auszutesten, aber es wird nur der Opener gemacht. Danach folgt direkt die SDE-Übung. So behältst du deine Technikarbeit, nachdem du den Opener ausgetestet hast. Auch hier gilt: Den Opener im Taper auszutesten ist nicht notwendig, aber viele Athleten mögen es, und es gibt Zuversicht vor dem Wettkampf.
Gleichzeitig will Peter die Time to Peak nicht zu sehr beeinflussen. Mit dem Opener im Plan besteht dafür natürlich ein gewisses Potenzial. Weil aber sofort in die SDE-Arbeit gewechselt wird, bleibt dieselbe Gesamtbelastung erhalten, ebenso die Exposure in der Technikübung, die den ganzen Block über produktiv war. Bei diesem Lifter kam der Taper zum Beispiel direkt nach seinem Greatest-Hits-Block, sodass er hier genau die sehr produktiven, sehr nützlichen Technikübungen bekommt.
Am Dienstag wurde die Gesamtbelastung etwas zurückgefahren. Im normalen Entwicklungsblock hätte dieser Lifter hier mit höherem RPE gearbeitet (die genaue Angabe ist in der Abschrift nicht eindeutig). Im Taper wurde das auf ein Single @7 und Vierer @7 gesenkt, also das RPE nur ein wenig verringert, um die Reduktion der Gesamtbelastung anzustoßen. Das liegt daran, dass dieser Ansatz bei diesem Athleten gut funktioniert hat. Bei anderen Athleten behält Peter das Protokoll so bei, wie es im Entwicklungsblock war.
Entscheidend ist, dich selbst bzw. deine Athleten zu kennen, um zu entscheiden, wann du die Belastung etwas senkst und wann du sie wie im Block beibehältst. Hauptsache, die Exposure für diesen wirksamen Trainingsreiz findet statt.
Zwei Tage vor dem Wettkampf gibt es nur eine leichte Technikeinheit, ähnlich wie die letzte Einheit eines traditionellen Tapers: wenig Prozent, wenige Wiederholungen, in Kniebeuge und Bankdrücken. Möglicherweise gehört auch das Kreuzheben dazu, wenn du meinst, dass der Lifter diese zusätzliche kleine Technik-Exposure braucht.
Was Peter an diesem Ansatz außerdem mag: Er lässt viel Flexibilität, wenn Wettkämpfe an unterschiedlichen Tagen stattfinden. Die meisten lokalen oder nationalen Wettkämpfe sind am Wochenende. International finden Wettkämpfe aber oft auch an einem Montag, Dienstag oder Mittwoch statt. Dann musst du den Taper so aufbauen können, dass dein Peak auf praktisch jeden Wochentag passt.
“What I like about this approach too is that it does give a lot of flexibility in terms of competitions being on different days.” Was ich an diesem Ansatz außerdem mag: Er gibt viel Flexibilität, wenn Wettkämpfe an unterschiedlichen Tagen stattfinden. Peter Lucey
Nach den Strategien für deinen Werkzeugkasten, mit denen du deinen idealen Taper zusammenstellst und mit der Zeit feinabstimmst, geht Peter auf allgemeine Überlegungen ein. Sie können in den Prozess einfließen und dich in eine Lage bringen, in der du manches anders machen musst als sonst. Die Folie nennt:
Bei international startenden Liftern ist es gute Praxis, ein paar Tage vorher am Wettkampfort zu sein, idealerweise mindestens drei Tage, besonders je nachdem, wie lang die Reise ist. Wann immer möglich, legt Peter nach der Reise mindestens eine Einheit am Wettkampfort ein. Das hilft, die Beine wieder in Gang zu bekommen, selbst wenn es nur eine leichte Einheit mit niedrigen Prozenten ist, wie im vorherigen Beispiel. Der Körper findet so wieder in seinen normalen Rhythmus, und der Athlet fühlt sich nach einer langen Reise wieder normaler. Wenn möglich, ist es also meist gut, den Taper erst nach der Reise abzuschließen.
Es kann auch Tage geben, an denen der Athlet nicht trainieren kann, etwa den Tag der langen Reise. All das solltest du mit dem Athleten besprechen: Kenne den Reiseplan und kläre, was am besten funktioniert.
“Whenever possible I always like to get at least one session in at the competition venue or place after they’ve traveled.” Wann immer möglich, lege ich gern mindestens eine Einheit am Wettkampfort ein, nachdem die Athleten gereist sind. Peter Lucey
Findet eine deiner Flipped-Taper-Einheiten nach der Reise statt und du nutzt zum Beispiel Spezialstangen, hat das Gym vor Ort diese Stange vielleicht nicht. Gibt es dann Alternativen oder andere Ansätze? Bei den meisten großen Wettkämpfen gibt es einen Trainingsraum oder den Aufwärmraum, in dem du trainieren kannst, aber dort hast du meist nur die übliche Grundausstattung. Das ist völlig in Ordnung und lässt sich in der Regel gut handhaben. Wenn du aber spezielle Entwicklungsübungen machst, kann es knifflig werden. Darauf solltest du vorbereitet sein.
Ein Schlüssel für deinen gesamten Taper-Ansatz sind die Prioritäten für den jeweiligen Lifter: Hat die Belastungsreduktion Vorrang, der Erhalt der Technik über die Entwicklungsübungen oder das Schärfen der Technik durch mehr Spezifität in den Wettkampfübungen? Beides sind brauchbare Ziele. Peter mag am Flipped Taper, dass er erlaubt, diese Ziele auszubalancieren, statt sich ganz auf eine Seite zu schlagen. Es kommt darauf an, wo die Prioritäten für diesen Athleten liegen bzw. womit er die beste Wettkampfleistung bringt.
“It can allow you to kind of balance those, that you don’t have to be all in on one or the other.” Er erlaubt dir, das auszubalancieren, sodass du nicht ganz auf das eine oder das andere setzen musst. Peter Lucey
Arbeitest du die Opener zu Beginn des Tapers ein, ist das eine gute Möglichkeit, deinen Wettkampfplan zu überprüfen. Bewegen sich die Opener so, wie sie sollen und wie du es dir wünschst, oder bewegen sie sich etwas langsam? Dann hast du die Gelegenheit, Anpassungen vorzunehmen und zu sehen, wo du mit deinem Plan stehst.
Insgesamt ist es wichtig, flexibel zu sein und dich an Unvorhergesehenes anpassen zu können. Dinge passieren: Das Gym hat vielleicht geschlossen, die Arbeit ist gerade stressig, oder der Athlet kann an einem bestimmten Tag nicht trainieren. Solche Situationen können kurzfristig und unerwartet auftauchen. Dann musst du den Plan anpassen oder nachjustieren können.
Zum Schluss geht es darum, was du nach dem Wettkampf tun kannst, um deinen Taper-Ansatz zu bewerten und weiter einzustellen. Die Folie fragt: War die Leistung am Wettkampftag auf dem Niveau dessen, was du aufgrund deines Trainings vor dem Wettkampf und deines Wettkampfplans erwartet hast?
“Communication there with the athlete is going to be important also, just to kind of get their feedback.” Auch die Kommunikation mit dem Athleten ist dabei wichtig, um seine Rückmeldung zu bekommen. Peter Lucey
Die Folie fasst zusammen: In Verbindung mit deiner gesamten Trainingsplanung ist es gute Praxis, einen individuellen Taper-Ansatz zu entwickeln, der für den einzelnen Athleten gut funktioniert. Entscheidend ist, die Leistung nach diesem Taper zu bewerten und den Ansatz auf Grundlage dieser Informationen mit der Zeit anzupassen. So stellst du einen Ansatz ein, mit dem der Athlet konstant auf dem Niveau abliefert, auf dem er sein will, seine Ziele erreicht, seine Lifts steigert und letztlich sein Total weiter erhöht.
Zitate aus der automatischen Abschrift des Videos; offensichtliche Transkriptionsfehler wurden behutsam bereinigt. Folienbilder aus dem Video, Zeitangaben gerundet.